Morgen veröffentlicht der Sänger, Schauspieler und Seebär Hans-Martin Stier seine neuen Alben. Richtig gelesen, mit „Hart am Wind“ und „Geisterschiff“ (beide SPV) gibt es von dem bekanntermaßen beredten und vor in 64 Jahren in Bad Ems zur Welt gekommenen Charismatiker gleich zweifach auf die Ohren. In beiden Fällen ansprechend und eben mehr als nur ein Grund genug, um mal klar Schiff zu machen. Auch auf amusio, die Firma dankt herzlich und grüßt ins benachbarte Bergische…

Ein Mann, ein Stier, zwei neue Platten (Funke & Stertz)
Ein Mann, ein Stier, zwei neue Platten (Funke & Stertz)

amusio: „Von Bad-Ems über Berlin ins Bergische, wie kommt‘s?“

Stier: „Och, das war ein Tipp von meiner damaligen Agentin. Als es mir in Berlin zu hektisch wurde, hatte sie den Vorschlag, nach Köln auszuweichen. Nun, so entschieden wir uns 1995 für die urbane Peripherie; meine Frau und meine Kinder haben das Ländliche mit Nähe zur Stadt sofort genossen, so wie ich auch. Ich habe ja in Münster studiert und bin vorher zur See gefahren, war also auch öfter in Hamburg. Hier, im Bergischen, habe ich von allem etwas und davon in sehr zureichendem Maße.“

amusio: „Also auch immer eine gewisse Nähe zu Köln. Deine erste namhafte Band nannte sich `Törner Stier Crew´, die ich immer mit den Ur-Kölnern der `Schröder Roadshow‘ assoziiert habe…“

Stier: „Absolut richtig, wir haben gemeinsam getourt, hatten die gleiche Idee: Rock mit deutschen Texten! Wir veröffentlichten bei Hage Hein, wir standen uns nahe. Gerd Köster und Jesus kenne ich noch, aber – was machen die anderen?!“

amusio: „Vermutlich dich noch als Stier kennen. Ein Name, ein Programm?“

Stier: „Gut, als wir 2007 als `Kahle Mönche´ unterwegs waren, haben sich die Leute gefragt, wo die Gregorianik sei. Dabei war mit `kahl´ nur meine Glatze gemeint. Dann habe ich halt wieder meinen Nachnamen nach vorn gestellt. Und das passt: ich bin ein Stier. Bin stark und reizbar, sehe manchmal rot …“

amusio: „Und dann wirst du vom Matador aus der Arena getragen…“

Stier: „Ja, und dann erst recht. Dann komme ich zurück, ganz klar! Ich wünsche niemandem von mir aufgespießt zu werden, Stierkampf widert mich an.“

amusio: „Warum die Doppelveröffentlichung?“

Stier: „Wir, also die Band und mit ihr Peter Koller, wir haben festgestellt, dass uns sowohl das Harte als auch das Akustische passt. Nicht alle Songs funktionieren auf beiden Ebenen, aber diejenigen, die funktionieren, auch live, – da bin ich mit beiden Seiten präsent – wollten wir im jeweiligen Rahmen einspielen und präsentieren.“

amusio: „Klassischer Hard Rock mit NDH-Schlagseite auf `Hart am Wind´ und der Seilknüpfer und Shanty-Sänger Stier beim `Geisterschiff´?

Hart am Wind, manche brauchen es, manchmal (SPV)
Hart am Wind, manche brauchen es, manchmal (SPV)

Stier: „Genau. Aufgrund meiner Erfahrungen als Seefahrer einer Seefahrerei, die es heute nicht mehr gibt, läge mir `Geisterschiff´ mutmaßlich näher. Aber ich mache da keinen Unterschied. Ich habe noch Tagebücher aus der Zeit meiner Seefahrerei und meinen damit verbundenen Erlebnissen von Ostasien und Australien. Und aus der Zeit, als ich als Steuermann auf der 56 Meter großen Brigantine Outlaw, mit 16 Jungs aus dem Knast und aus Heimen, vor den Kap Verden lag und versucht habe, diese Jungs wieder aufs Schiff zu kriegen. Ich würde diese Bücher gerne mal umsetzen, was dann an Partick O’Brian – Manöver um Feuerland, Master & Commander – erinnern würde, als Hörbuch oder auch als Lesung – mit dem harten, dem akustischen und vielleicht auch dem elektronischen Stier, mal schauen…“

amusio: „Kommen wir noch einmal auf das Material deiner beiden neuen Alben zu sprechen. Magst du Hunde?“

Stier: „Du spielst auf `Rauhaar´ an. Nun, das bezieht sich auf eine Dreherfahrung, ‚Hausmeister Krause´, als mir ein untrainierter und entsprechend nervöser Dackel bei dem ersten Take in die Hand geschissen hat. Ich habe nichts gegen Hunde, wenn mir der Teckel vielleicht auch nicht die liebste Rasse ist, aber unsere Katze ist mir lieber.“

Landwind?! (SPV)
Landwind?! (SPV)

amusio: „`Schwarz´ – Mitleid mit Satan?“

Stier: „Mitleid mit Satan, das ist gut! Aber ob es sich bei dem Lied um eine Art Abrechnung mit einer bestimmten Szene – oder einer bestimmten Frau – handelt, da müsstest du den Songwriter, Peter Koller, fragen.“ (lacht)

amusio: „Und sind die von dir beschriebenen `Fenstergucker´ nicht ausgestorben?“

Stier: „Doch, es gibt sie noch. Nur die Wendung, dass sie sich nach dem Fernsehen sehnen, die könnte heute in eine Sehnsucht nach dem Internet gewendet werden.“

amusio: „Einerseits Hommage, so wie sie Helge Schneider mit Herrn Körtschgen gelungen ist, andererseits gelinde Bemitleidung, von Menschen, die ihr Leben unter den Scheffel der Beobachtung des Lebens der Nachbarn stellen?“

Stier: „Es gibt sie noch, glaube mir…“

amusio: „Als zeitkonform treffend empfinde ich `Keine Zeit´.

Stier: „Ja, das Problem unserer Zeit ist es, keine Zeit zu haben. Wir fraktalisieren, verlieren oder finden uns in Projekten, um uns darin erneut zu verlieren, und haben im Ergebnis keine Zeit, um mal mit einem Freund ein Bier trinken zu gehen.“

Umso schöner, dass es diesmal und trotz allem geklappt hat. Das Bier geht auf mich.

Stier live:

28. März     Münster     Jovel 
11. April     Köln        Blue Shell 

Und das wird es nicht gewesen sein!

stierrocks.de

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