Immer noch ein Arcanum: Norwegische Barockmusik

Stadtmusikanten, Militärtrompeter, Orgelbauer und …

Norwegische Barockmusik – gibt es die eigentlich? Fehlanzeige? Es sieht so aus, als hätten Komponisten aus den nördlichsten europäischen Gefilden erst mit großer Verspätung ins klassische Trompetenkonzert eingestimmt. Die Quellen sind nämlich dürftig: Es ist zwar durch wenige erhaltene Quellen hinlänglich bekannt, dass die Lateinschulen für die musikalische Praxis schon im 17. Jahrhundert eine Rolle spielten, dass bekannte Orgelbauer wie der deutsche Handwerksmeister Gottfried Heinrich Gloger in Norwegen tätig waren und Stadtmusikanten sowie Militärmusiker in Erscheinung traten, doch von Komponistennamen hat sehr wenig die Jahrhunderte überdauert. Auf Glogers Orgelbaukunst geht immerhin das berühmte Instrument in Kongsberg zurück.

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Christian August Lorentzens Gemälde von der Feste Åkershus oberhalb von Oslo, auf der der Komponist Georg von Bertouch kommandierte (Oslo Museum JWC.092).

Christian August Lorentzens Gemälde von der Feste Åkershus oberhalb von Oslo, auf der der Komponist Georg von Bertouch kommandierte (Oslo Museum JWC.092).

Erste Kunde von einem Tonsetzer in der frühen Neuzeit erhalten wir aus dem Jahr 1590, hier ist eine Motette von Caspar Ecchiemus im Stil der spätniederländischen Polyphonie überliefert. Seit 1719 wirkte als norwegischer Komponist ein aus Helmershausen bei Kassel gebürtiger Musiker, der mehr oder weniger durch Zufall die Chance zur Karriere eines Festungskommandanten der Burg Åkershus in Oslo erhalten hatte: Georg von Bertouch (1668 – 1743). Man weiß, dass er an 22 Schlachten teilnahm – und dennoch für die höfische Muse genug Zeit und Gesundheit aufbrachte, um Sonaten für zwei Violinen und basso continuo quer durch alle Tonarten zu schreiben, inspiriert von Bachs Systematik im Wohltemperierten Clavier. Eine Auswahl der Triosonaten, instrumental ergänzt durch die Querflöte einschließlich einiger Tanzstücke aus dem Musik-Buch des Jacob Mestmacher bietet übrigens das Kammermusikensemble Bergen Barokk (Toccata Classics 2005, 506011344068).

Ein vielseitiger Komponist und Organist in Norwegen: Johan Daniel Berlin (1714 - 1787; Municipal archives of Trondheim, Magnus Manske)

Ein vielseitiger Komponist und Organist in Norwegen: Johan Daniel Berlin (1714 – 1787; Municipal archives of Trondheim, Magnus Manske)

Ebenso im 18. Jahrhundert tummelten sich noch zwei andere bedeutende Komponisten in den norwegischen Städten: Johan Henrik Freithoff (1713 – 1767) aus Kristiansand und Israel Wernicke (1755 – 1816) aus Bergen, die aber beide später in Kopenhagen lebten und arbeiteten. Der Organist Johan Daniel Berlin (1714 – 1787) stammte aus Memel, dem heutigen Klaipeda und wurde nach Studienjahren in Dänemark 1737 Stadtmusikant im norwegischen Trondheim, wo er später auch zum Domorganisten avancierte. Er verfasste die erste dänisch-norwegische Musiklehre, Musikalske elementer (1744). Aus seinem umfangreichen Schaffen sind uns heute lediglich 3 Symphonien für Orchester, sämtlich in D-Dur, kleine Stücke für Cembalo und eine Sonatine in d-Moll – veröffentlicht in Augsburg 1751 – erhalten. Seine beruflichen Stationen zeugen neben dem Gedruckten von Vielseitigkeit: Er war nicht nur als Instrumentenerfinder und -konstrukteur (Viola da Gamba-Claveer, Monochord) rührig, sondern ebenso als Leiter der Feuerwehr, Landkartenzeichner, Architekt und Inspektor der Wasserwerke.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.