Trockene Übungen haben Tradition. Als erstes Studienwerk für Klavier im „modernen“ Sinn gilt J.B. Cramers Étude pour le pianoforte en 42 exercices …, das in zwei Bänden 1804 erschien und 1810 wegen der großen Nachfrage bei Unterrichtenden wieder neu aufgelegt wurde. Muzio Clementi hatte allerdings bereits 1790 eine Sammlung von Préludes et exercices herausgebracht, die der Lehrbuchkonzeption nahekommt. Noch in der ersten Hälfte des Jahrhunderts differenzierte sich die Form aber aus, Vortrags- und Konzertetüde kamen hinzu. Vor allem die letztere wurde von den Virtuosen-Komponisten weiterentwickelt, zum Beispiel von J.N. Hummel, Ignaz Moscheles, Sigmund Thalberg und insbesondere Franz Liszt.

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Jan Lisiecki kann es leicht nehmen, denn die abenteuerlich schwierigen Chopin-Etüden meistert er technisch praktisch im Dunkeln …

Hinzu kommt Frédéric Chopin, der bereits die von John Field übernommene Nocturne in einem eigenen Zyklus noch kunstvoller gestaltet hatte. Seine Études allerdings gehören zu den schwierigsten ihrer Gattung überhaupt. Walter Wiora schrieb 1972, man könne überspitzt sagen: „Wer sie zu spielen vermag, kann alle Klaviermusik spielen.“ Aus diesem Grunde kann auch nicht jede der zahlreichen CD-Einspielungen, die heute vorliegen, exzellent genannt werden, da zur komplexen Technik ja auch der angemessene Ausdruck kommen muss.

Zuletzt hat der Polen-Kanadier Jan Lisiecki, geboren 1995 in Calgary, in seiner Aufnahme bei der Deutschen Grammophon mit den beiden Zyklen op. 10 und op. 25 eine eigene Deutung präsentiert (2013, B00BCCE3VM), womit er über die rein technisch perfekte Darbietung weit hinausgreift. Lisiecki folgt einem Ausspruch Chopins selbst, indem er versucht, den Ton „singen zu lassen“. Die Kritiken in Fachzeitschriften wie Zeitungen tragen fast durchgehend 5 Sterne. Beispielsweise schon in den Anfangstakten der E-Dur-Etüde aus op.10 vermag es Lisiecki den traurig-ernsten und gleichzeitig spielerisch-eleganten Ton zu treffen, der die langsame(re)n Passagen und Sätze Chopins so häufig auszeichnet. Lisieckis Aufstieg als Pianist verlief in den letzten Jahren geradezu kometenhaft: 2011 nahm er mit einem Stipendium an der Glenn Gould School of Music in Toronto sein Studium auf, hat aber bereits zusammen mit Yo-Yo Ma, Pinchas Zukerman, Emanuel Ax und dem Quatuor Ébène gespielt …

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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