Nach dem jiddischen Roman von Scholem Alejchem

Temperamentvoll am Erfurter Theater: Anatevka

Joseph Stein, Sohn jüdischer Eltern, die aus Polen in die USA emigriert waren, wurde 1912 in New York geboren und wuchs in der Bronx auf – wusste also als Kind bereits von einem harten und von Unsicherheit geprägten Leben. Dank seines Ehrgeizes gelang ihm 1935 ein Universitätsabschluss, später absolvierte er einen Master an der Columbia University und war anschließend in der Sozialarbeit tätig. Die Entwicklung zum Dramatiker ging zunächst vom Schreiben für Radiomoderatoren aus, Stein arbeitete aber auch für Shows mit Woody Allen und wurde schließlich durch seine Autorschaft bei den Musicals Sorbas und Anatevka bekannt; für letzteres griff er auf den Roman Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem zurück. Die Figur vom Fiddler on the Roof – der englische Originaltitel wurde einem Bild von Marc Chagall entnommen – wurde rasch weltweit populär.

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Tewje...

Milchmann Tewje, im Hintergrund die „Weisen“ des Schtetls (L. Edelhoff)

Der Erfolg des Musicals verdankte sich aber insbesondere der Musik von Jerry Bock, einem Start-Up-Künstler, der bereits in seiner Highschool-Zeit komponiert hatte. Mit seinem Autor Sheldon Harnick, der auch Lieder wie den Evergreen If I were a Rich Man für Anatevka schuf, wurde er zu einem der anerkanntesten Kulturschaffenden des Broadway. Sein erstes Musical, Mr. Wonderful, ging in New York 1956 über die Bühne.

Steins „Libretto“ zu Anatevka (UA 1964) fasst die Romanhandlung in prägnanter Weise zusammen: Der arme Milchmann Tewje verliert drei seiner fünf Töchter an Männer, die er für sie nicht der Tradition gemäß selbst bestimmt hatte, wodurch er den Zeitenwandel in der eigenen Familie deutlich zu spüren bekommt. Wie andere jüdische Schtetl wird auch das ukrainische Anatevka in den Jahren der Oktoberrevolution nicht von den zaristischen Pogromen verschont.

Der gestrafften Handlung der Musicalversion entsprechend stringent wusste der Dirigent des Freitagabends am Erfurter Theater, Juri Lebedev, das in seiner Besetzung deutlich durch die Tanzmusiktradition der Ostjuden geprägte Kammerorchester zu leiten. Dennoch ging nichts vom Temperament und Charme der Partitur verloren, deren harmonische Faktur von amerikanischen Stilelementen geprägt ist, wobei das Musizieren im Schtetl und in geringerem Maß im russischen Umfeld für den Komponisten die Quelle darstellte. Im Orchester spielen neben der Sologeige auch Akkordeon und Celesta eine Rolle.

Roland Rohdes Kostümierung am Freitagabend im Erfurter Theater ließ sich anhand dieser Vorlage gut nachvollziehen (Design: Morburre, 2010)

Roland Rohdes Kostümierung am Freitagabend im Erfurter Theater ließ sich anhand dieser Vorlage gut nachvollziehen (Illustration: Morburre, 2010)

Das Bild vom Fiedler auf dem Dach wurde durch das Einschweben des bunt maskierten Violinisten in luftiger Höhe auf einer Schaukel quer über die Bühne umgesetzt. Das virtuose Geigenspiel von Roland Rohde ebenso wie das des Soloklarinettisten beim Fest zur Brautwerbung Lejser-Wolfs überzeugte zudem. Nur in der Traumfiktionsszene, als Goldis Großmutter geisterhaft in Erscheinung tritt, hätte man sich mehr als eine Stimme aus dem Off doch eine leibhaft singende Traumgestalt gewünscht. Die tänzerisch-akrobatischen Aufführungen waren über die kammerorchestrale Ausrichtung der Inszenierung hinaus dank Mirko Mahrs Choreographie großzügig und mit viel Witz fürs Detail gestaltet. Besonderer Applaus galt zu Recht Juri Batukov als Tewje, denn der voluminöse Bass-Bariton sang und spielte durchwegs mit dem Gefühl für die richtige Betonung und mit äußerster sprachlicher Prägnanz.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.