Vom Gassenhauertanz zum virtuosen Variationenzyklus

La Passacalle: eher ein schlendernder Straßenzug

In der Musiktheorie des 18. Jahrhunderts wird die Passacalle, „Gang durch die Straßen“, mit der Chaconne verglichen, erstere ein ursprünglich spanischer Tanz in eher gemächlichem Tempo unter Bevorzugung der Molltonarten, zweitere ein in der Regel eher zügig voranschreitender und überwiegend in den Durtonarten gehaltener Tanz. Dabei sind sich beide Formen auch wieder sehr ähnlich, später kaum wirklich zu unterscheiden, was der Vergleich von J.S. Bachs Orgel-Passacaglia c-Moll (das Bassthema kupferte er übrigens von André Raison ab) mit seiner Chaconne d-Moll für Violine solo zeigt. Zum Beispiel ist beiden gemeinsam die ostinate Melodieform, die zwar häufig in der Bassstimme liegt, aber auch die anderen Lagen durchwandern kann.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Eines der ältesten spanischen Dokumentationen der Passacalle in einer Lautentabulatur von Gaspar Sanz (1640 - 1710) (Biblioteca Nacional de España)

Eines der ältesten spanischen Dokumentationen der Passacalle in einer Lautentabulatur von Gaspar Sanz (1640 – 1710) (Biblioteca Nacional de España)

Mit dem Ende des Generalbasszeitalters blieb auch die Passacalle mitten auf der Straße stehen und gefror zum Denkmal, das zunächst keiner beachten wollte, bis neoklassizistische Komponisten sie wiederbelebten: Nach Reger griffen insbesondere Schönberg, Webern und Benjamin Britten die Ostinatotechnik wieder auf. Wenn man nur die äußere Form betrachtet, hat sich aber am Modell der Passacalle seit ihren Anfängen in den Chitarratabulaturen von Girolamo Montesando (1606) nichts wesentlich verändert. Im 16. Jahrhundert war der Tanz eben auf dem Weg über dieses Instrument aus Spanien in Italien eingeführt worden. Montesando liefert den ältesten Beleg, der aus einer aus der Tonfolge F B C F gearbeiteten Periode besteht, die mehr als zwanzigmal variiert wird. Wie die Ritornelli werden hier die Passacaglie als Vor-, Zwischen- oder Nachspiele in Arien ebenso wie in anderen Tänzen verwendet.

Benjamin Brittens Violinkonzert op. 15 mit James Ehnes, Violine: Der letzte Satz enthält eine Passacaglia. (Onyx)

Benjamin Brittens Violinkonzert op. 15 mit James Ehnes, Violine: Der letzte Satz enthält eine Passacaglia. (Onyx)

Ein alter Meister der Form ist neben Biagio Marini (1655) Maurizio Cazzati in seinen Triosonaten (1660) – beide entwickelten die Passacalle bereits zu einem selbstständigen Instrumentalsatz. In den deutschsprachigen Ländern wurde sie besonders von Pachelbel, Buxtehude, Bach und Händel weitergepflegt. Wer mehr an den späteren Gestaltungen der Passacalle interessiert ist, sollte sich den letzten Satz aus Brittens Violinkonzert op. 15 (1939; 1958) näher anhören, etwa in der aktuellen Aufnahme des Bournemouth Symphony Orchestra unter Kirill Karabits mit dem Solisten James Ehnes (Onyx 2013, B00CC9PADY).

 

 

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!

Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.