Lob und Ehre allen, die es vermögen, sich von Klavierhockern, aus Sesseln und Betten zu erheben, um großartige Darbietungen aus erster Hand zu erleben. Konzerte, die unvergesslich bleiben, Veranstaltungen fürs wunde Herz und für das letzte Hemd. Dirk Raulf samt „Orchestra“ und Meret Becker in der Kulturkirche, Kreidler sowie Bohren & der Club of Gore in der Philharmonie, letztlich Joachim Witt in der Live Music Hall – drei Abende zu Köln an deren Ende noch die Gelegenheit blieb, für Conchita Wurst anzurufen.

In stillen Nächten erlangt ein Klang die Größe zum Erliegen (Bohren & der Club of Gore / Play It Again Sam / RTD)
In stillen Nächten erlangt ein Klang die Größe zum Erliegen (Bohren & der Club of Gore / Play It Again Sam / RTD)

„60 Minuten. Flussabwärts“ erscheint in Köln keine große Kunst zu sein. Der Sekundentakt indes schon. Die Verquickung aus selbst auferlegtem Zeitraum und aufbegehrend erlangter Zeitautonomie gelang Dirk Raulf und seinem „Orchestra“ in der Kulturkirche zu Nippes so, als wenn dies ein Kleines, ein Leichtes sei. Nachdem das einzige Bass-Saxophon-Quartett des Universums, Deep Schrott, mit Black Sabbath Reminiszenzen präludierte, wusste das um konventionelle Instrumente erweiterte Ensemble eine Stunde wie ein ganzes Leben klingen zu lassen. Meret Becker glänzte mit Persönlichkeit und Fingerfertigkeit, ihre Stimme fügte sich ein – in ein kognitiv kaum zu fassendes Konglomerat aus Bekanntem und Ungewohnten zwischen Jazz und Rock, das jeder Beschreibung spotten muss. Absolute Musikalität, gedanklich angeleitet, aber keineswegs im Sinne konzeptioneller Einengung. Diese Stunde mit Dirk Raulf und seinem „Orchestra“ erschien wie eine Vorschau auf die Ewigkeit, auf eine Ewigkeit, die auszuhalten ist.

Vorprogramm : Deep Schrott (Stephan Wolf)
Vorprogramm : Deep Schrott (Stephan Wolf)

Im Rahmen des Festivals „Acht Brücken“ spielten Kreidler und Bohren auf. In der Kölner Philharmonie, wobei es a prima vista nur interessant war zu erfahren, ob es dem „Club of Gore“ (Bohren) gelingen würde, auch dort totale Dunkelheit zu erlangen. Nein, es gelang und die gab es nicht, – die Notausgangsbeleuchtung ward nicht abgeklebt. Aber, wer wollte diesem Ereignis schon entfliehen?!

Ohne Florett: Kreidler (Stephan Wolf)
Ohne Florett: Kreidler (Stephan Wolf)

Kreidler überraschten mit einem hochgradig animierenden Set, das einstige Krautrock-Schlagseiten der doch recht berühmten Band überzeugend in die technoide Phase deutschländischer Klangkultur überführte. Erinnerte an Kraftwerk, machte Heidenspaß.

Und dann: Bohren & der Club of Gore. Große Kunst, Plattitüden zur Kennzeichnung: Wenn es Morten Gass und Konsorten nicht gäbe, sie müssten erfunden werden. Ihr einzigartiger Ambient-Jazz will ums Verrecken nicht mehr insinuieren, als er zu initiieren imstande ist. Macht was draus oder lasst es bleiben, Introspektive und Aufruhr, Einsicht und Erkenntnis; das Klangspektrum bietet vieles an, es anzunehmen bleibt Privatsache. Allerdings, im gegebenen Rahmen (Philharmonie!) umso bemerkens- und lobenswerter: Die Hommage an das „Gebäude 9“, dem „europaweit einzigartigen Club“ (Morten Gass), der uns hier nun doch bestehen bleibt. Keine leere Geste, sondern ein Bekenntnis zu Vielfalt und Hingabe. Zu einer (-von mir aus-) „alternativen“ Musikkultur, deren Erhalt ab ovo womöglich doch nicht von jenen Penunzen abhängt, mit denen die so genannte Hochkultur künstlich am Leben erhalten wird. „Das Leben ist ein Kampf – Siege!“ steht in Poesiealben, „Segeln ohne Wind“ halten Bohren dem entgegen. Da bleiben nur Dankbarkeit und geschärftes Gewissen.

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