Die nietzscheanische Figur des am christlichen Gott zweifelnden Fähnrichs Jago, in dessen Bannkreis der Regimentskommandant Otello gerät, faszinierte Arrigo Boito und schließlich Verdi selbst so, dass sie ihm ein ganz eigenes, über Shakespeare hinausgehendes Wesen zueigneten, das eines düsteren Gottes, der das Nichts als Ziel aller Existenz definiert und den Untergang herbeiführen will. Der Dämon gewinnt und opfert zwei Menschenleben, vermeintlich, um dem auf Otello eifersüchtigen Edlen Rodrigo die begehrte Desdemona zuzuführen. In Wahrheit sucht er den Kommandanten aus persönlichen Motiven ins Unglück zu stürzen.

Otello auf der Kommandobrücke. Am Samstag ging die gelungene Premiere am Erfurter Theater erst am späten Abend zu Ende. (L. Edelhoff)
Otello auf der Kommandobrücke. Am Samstag ging die gelungene Premiere am Erfurter Theater erst am späten Abend zu Ende. (L. Edelhoff)

Wie wurde diese bis zum Fatalismus tragische und von Boito in ein komplexes Libretto umgewandelte Handlung bei der Erfurter Premiere am Samstag realisiert? Der Kanadier Tyrone Paterson, der immer wieder auch vor europäischen Bühnen dirigiert, vermochte der Vorlage eine dramatische Wucht einzuhauchen, wie sie dem Zeitgeist um 1880 durchaus entspricht, geleitet von Wagners Idee des lyrisch-dramatischen Gesamtkunstwerks und dem Verismus als vorherrschender Strömung auf dem Musiktheater. Nun ist gerade Otello, 1887 in Mailand uraufgeführt, die ironiefreieste Oper Verdis, sie ist musikdramatisch vielmehr in derselben aporetischen Schicksalhaftigkeit gestaltet, die Wagners Lohengrin und Tannhäuser kennzeichnet. Italianità kommt nur an sehr wenigen Stellen zum Tragen und wurde an diesem Abend lediglich in das tragisch-fatalistische Konzept der Aufführung eingebettet.

Otello (Marc Heller) und Desdemona (Ilia Papandreou) (L. Edelhoff)
Otello (Marc Heller) und Desdemona (Ilia Papandreou) (L. Edelhoff)

Den Solistenstimmen wurde völlig zu Recht viel Applaus gezollt. Insbesondere Juri Batukovs Jago und Ilia Papandreous Desdemona gefielen durchwegs, wobei sicher auch Papandreous Schauspielkunst gerade in dieser eher zurückhaltenden Rolle des Opfers überragend genannt werden kann und den Vergleich mit entsprechenden Premieren an der Metropolitan Opera oder an der Pariser Oper nicht zu scheuen braucht. Marc Hellers schwierige, aber hochdramatische und energetisch geladene Umsetzung des von Misstrauen und Raserei geprägten Otello-Parts hätte durchaus mehr Beifall verdient, dasselbe gilt für die Nebenrollen.

Otello (Marc Heller) und Jago (Juri Batukov) beim Schachspiel (L. Edelhoff)
Otello (Marc Heller) und Jago (Juri Batukov) beim Schachspiel (L. Edelhoff)

 

Guy  Montavons moderne Inszenierung eines tiefengestaffelten und dennoch komplexen Bühnenaufbaus zentrierte sich um die Hauptfiguren, an keiner Stelle war der Zuschauer von den Rollenpersönlich-keiten auf Äußerliches hin abgelenkt. Die Bühnentechnik unter der Leitung von Ausstatter Francesco Calcagnini meisterte gerade die bewegte Szene mit der Rettung von Otellos Schiff in Seenot großartig, gelöst durch das Auf- und Abschwenken der Brücke und den Blick auf die Maschinisten im Hintergrund. Die Kostüme erinnerten deutlich an Muster aus Verdis späterer Zeit.

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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