WGT Nachlese - Teil Eins

More Than A Party

Weit über 96 Stunden Friede, Freude und Festival unter Leipzigs blauem Himmel und sternenklarem Firmament liegen nun leider hinter uns. Über 200 Seiten Programm (zusammengefasst im auch drucktechnisch beeindruckenden, offiziellen Programmbuch, dem Pfingstboten) haben stattgefunden. Und vermutlich werden alle Partizipanten – beglückt und beseelt – die Metropole an der Elster mit einem Schwur verlassen haben: Nächstes Jahr kommen wir wieder! Hier nun ein erstes Résumé zum Auftakt einer Reihe von Nachbetrachtungen, die sich sowohl den Künstlern als auch den Gästen widmen werden.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Nachwuchs am Start, Parkbühne (Stephan Wolf)

Nachwuchs am Start, Parkbühne (Stephan Wolf)

„Früher war das alles noch etwas wilder und spontaner“, weiß der Ur-Leipziger Taxifahrer zu berichten, „heute scheint mir das Festival perfekt durchorganisiert, aber so ist das nun einmal. Wir Leipziger möchten auf unsere schwarzen Gäste so oder so nicht mehr verzichten.“ Soweit die treffliche Analyse eines nicht direkt involvierten Beobachters. Tatsächlich bestach das WGT im 23. Jahr mit einer Organisationsleistung allererster Güte. Mit der Präzision eines Uhrwerks wurden Hunderte erstklassiger Attraktionen und einmaliger Events realisiert. Sehr zur Freude von tausenden Teilnehmern (die genaue Zahl will noch ermittelt werden), die sich als „schwarze Familie“ in Leipzig erneut zu einer Großfamilie zusammenschweißten.

Es fiel auf, dass die vielfältigen Subgruppen der Szene zunehmend miteinander verschmelzen. Wo früher etwa die Neo-Folker eher wenig mit den Cyberpunks, die viktoriansichen Belle Epoque-Ästheten kaum etwas mit Alt-Goths oder Mittelalter-Freaks gemein zu haben pflegten, gerät es anno 2014 zu einer erfreulich erfrischenden Melange. Hier kann jeder mit jedem, es wird gemeinsam gefeiert, und das immer getragen von gegenseitiger Toleranz und Anerkennung. Krawall oder Aggression war in der schwarzen Szene ohnehin nie ein Thema, aber mittlerweile wundert sich niemand mehr, wenn sich EBM-Glatzen mit Rüschenhemdträgern in den Armen liegen. Wer dazu aufspielt, das wird dabei fast schon zur Nebensache.

Für das leibliche Wohl stets bestens gesorgt: WGT (Stephan Wolf)

Für das leibliche Wohl stets bestens gesorgt: WGT (Stephan Wolf)

Auch die Altersstruktur kennt keine Grenzen mehr. Schon erwächst aus Kindern eine neue Generation von affinen Gemeindemitgliedern. Und zugleich zeigen sich die Zugehörigen der ersten Stunde nach wie vor im vollen Ornat: Wer mit annähernd 80 noch in schwarzem Netzhemd, mit Lederhandschuhen und entsprechend auffällig geschminkt aufläuft, kann dem Beobachter nur höchsten Respekt abringen.

Einerseits kann sich die Szene nicht von einer gewissen Abhängigkeit gegenüber subgenre-relevanten Konventionen und merkantiler Vereinnahmung freisprechen. Aber in den frei interpretierbar gegebenen Rahmen bleibt andererseits ausreichend Raum für ausgelebte Individualität. Für Kreativität und Ausdruck. Schließlich beinhaltet die Unfarbe Schwarz alle Farben (außer Weiß).

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