Cameron Carpenter im Emporenlicht

Orgelbewegungen

Ein etwas ungewöhnlicher Virtuose: Mit einem Instrument solcher technischer Dimensionen, das den Musiker stoisch-stationär sonst in Gottesdienst und Kirche einlädt, geht er auf Reisen, während andere in der Straßenbahn schon bewundert werden, wenn sie ein Cello eigenhändig mobilisiert haben — gemeint ist Cameron Carpenter, geboren 1981 in Pennsylvania, der sich – eine Ära nach Nigel Kennedy – mit ziemlich unklassischer Frisur und sicher eher ungern im Frack vor applaudierendem Publikum zeigt. Dies ist aber nur die Schale, hinter der sich ein Meisterinterpret des klassischen Fachs verbirgt, der ebenso gut zu improvisieren wie zu komponieren versteht. Wer ihn vor dem Tournee-Ende dieser Saison in Deutschland noch erleben will, sollte sich die Termine am 1. Juli um 19 Uhr im Stadttheater Ingolstadt oder am 22. Juli um 20 Uhr im Kieler Schloss vormerken.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Cameron Carpenters neue CD mit vielen Variationen auch bekannter Werke (Sony 2014, B00IAC4U7O)

Cameron Carpenters neue CD mit vielen Variationen auch bekannter Werke (Sony 2014, B00IAC4U7O)

Die International Touring Organ bringt Klassikaffine und Avantgardehörer zurück zur Orgel, allerdings selten im geistlichen Ambiente. Carpenter genoss eine sehr solide Ausbildung an der New Yorker Julliard School, unter anderem bei John Weaver und wirkte als artist in residence an der Middle Collegiate Church.

Auch wenn sein abenteuerlich teures Instrument aus der Werkstatt der Firma Marshall & Ogletree klanglich wohl nicht den Vorstellungen eines traditionellen Orgelmusikpublikums entspricht, so muss bei dem Amerikaner doch  von einem Kenner der Materie gesprochen werden, der sowohl im Repertoire der Renaissance und des Barock als auch in dem der Romantik und der Postmoderne beschlagen ist. Auf seiner neuen CD If You Could Read My Mind beim Label Sony präsentiert der Wahlberliner Werke von Bach, Skrjabin, Dupré, Bernstein und nicht zuletzt von sich selbst. Unzweifelhaft ist, dass er auch das junge Publikum in unorthodoxer Weise wieder an sakrale und weltliche Orgelpreziosen heranführt.

Carpenter in Hong Kong, Februar 2011 (Yuyu)

Carpenter in Hong Kong, Februar 2011 (Yuyu)

Mit dem etwas schrillen Konzept des Amerikaners könnten aber langfristig tatsächlich mehr Leute zum Hören von Orgelkonzerten gebracht werden, da er meist in gut beheizten Räumen, nämlich in Hallen für „weltliche“ Musik spielt. Eine Renaissance für das Orgelkonzert im Kirchenraum ist jedenfalls hierzulande vorerst nicht in Sicht: es sei denn es käme einer endlich auf die Idee, die häufig ungemütlich dunklen Kirchenschiffe zu beheizen wie es sich für Konzertgäste gehört … und die älteren Instrumente so einzurichten, dass sie – wie die spätromantischen und modernen Varianten zeigen – nicht länger statische, zweidimensionale Klangflächen produzieren – bei aller Wertschätzung der etablierten Registerklangfarben Dulcian, Pommer und Krummhorn und was es dergleichen mehr gibt. Schließlich geht es ja um die Hörer …

 

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!

Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.