Zum 100. Geburtstag der "Planeten"

Sphärenmusik: von der Antike zum avantgardistischen Experiment

Die Sterne spielen seit der Antike, als die Verhältnisse zwischen den Gestirnen durch Intervalle beschrieben wurden, eine tragende Rolle in der Musik. Das Firmament als Ausdruck göttlicher Präsenz und Gegenstand numinoser Verehrung wird vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in Oratorien, Kinderliedern und Konzerten beschworen. Das Spektrum des musikalischen Programms, in dem die Planeten oder das All thematisiert werden, reicht von Haydns Schöpfung (1798) und Schumanns doppelchörigem Gesangswerk An die Sterne (1849) bis zu Richard Strauss‘ symphonischer Dichtung Also sprach Zarathustra (1896).

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"Planeten": Die Feuerwerk-Galaxie ist mehr als 22 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt (NGC 6946).

„Planeten“: Die Feuerwerk-Galaxie ist mehr als 22 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt (NGC 6946).

Gustav Holst schrieb in der Zeit des Ersten Weltkriegs sein umfassendes symphonisches Orchesterwerk Die Planeten (1914), in denen jeder einzelne große Trabant des Sonnensystems in seiner schillernden, letztlich astrophysischen wie anthroposophischen Bedeutung gewürdigt wird. Der Satz Mars daraus wurde später zum Evergreen, dann auch zur Vorlage für Filmvertonungen verwendet und gerne zitiert in der populären Unterhaltungsmusik.

Doch nahm die kompositorische Beschäftigung mit dem Universum schon bald nach Rued Langgaards expressionistisch-anthroposophischer Sphärenmusik (1916-18) und Charles Ives‘ Universe Symphony (1911-1928) eine andere Wendung:  Neuere postserialistische Kompositionstechniken, die Entwicklungen in der Darmstädter Schule oder die elektronischen Experimente bei zahlreichen europäischen und amerikanischen Rundfunkhäusern nach dem Zweiten Weltkrieg ließen das Interesse an der Proportionalität der Gestirne und wie sich diese musikalisch zum Ausdruck bringen ließließ, wieder aufflammen, zumal mit Clustertechniken, Orchesterglissandi und elektronischen Verfremdungseffekten interstellare Bewegungen, Staubwolken und Schwarze Löcher  nun auch differenzierter  musikalisch „beschrieben“ werden konnten.

George Crumbs Makrokosmos-Zyklen Twelve Fantasy-Pieces after the Zodiac for Amplified Piano, Nine Stellar Pieces (1981-1997) von Robert Martin und Anders Brødsgaards Galaxy (1990-93; 1999) zeugen davon ebenso wie neueste kompositorische Realisationen wie Remote Galaxy für Viola da Gamba und Orchester, op. 81 (2010) aus der Werkstatt des norwegischen Komponisten Flint Juventino Beppe, Peter Schindlers Szenische Kantate in zwei Akten Sonne, Mond und Sterne (2011) und, um einen Repräsentanten der New-Age-Szene zu nennen, Thierry Davids eher in einem esoterisch-fernöstlichen Ambiente angesiedeltes Stellar Connection (2012). Das mehr astronomisch-wissenschaftlich orientierte Projekt Planetenmusik von Brian Cranford (2013) schlägt demgegenüber eine diametral verschiedene Richtung ein.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.