WGT Nachlese - Teil Drei

Leipziger Vielfalt, Schwarzes Allerlei

Neben der Zusammenkunft an sich standen auch in diesem Jahr die Live-Bands im Mittelpunkt des Interesses der WGT-Besucher. Doch selbst bei einem völligen Verzicht auf die über 150 Live-Acts dürfte ein Mangel an Kurzweil, Anregung und Kontemplation kaum zu monieren sein. Denn das Festivalprogramm sah eine derartige Fülle an arrondierten Veranstaltungen vor, die ohne den gegebenen Rahmen zu sprengen, letztlich auch ein beredtes Zeugnis von der Vielfalt der schwarzen Kultur ablegte. Ein kursorischer Streifzug, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Für jeden Anlass das korrekte Outfit, auf dem WGT (Stephan Wolf)

Für jeden Anlass das korrekte Outfit, auf dem WGT (Stephan Wolf)

Die Ausstellung „Kinder der Nacht – Unangepasst und überwacht“ in der Außenstelle Leipzig des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen gewährte erhellend bestürzende Einblicke in die Sonderkartei, mit deren Hilfe „negativ-dekadente Jugendliche“, namentlich „Gruftis“, „Waver“ und „Gothics“ in der DDR geheim bespitzelt und offen angefeindet wurden. Ohne die Machenschaften der Staatssicherheit zu relativieren oder ihres Kontexts entheben zu wollen, offenbarten sich den in der BRD aufgewachsenen Szenezugehörigen Parallelen zu der Geringschätzung, der man sich auch im Westen ausgesetzt sah. Als weltfremd, sexuell pervertiert oder nihilistisch verschrien, als unpolitisch oder faschistoid verleumdet.

Zur Auflockerung des Gemüts bot sich eine Reihe weiterer Ausstellungen an. So zum Beispiel die exklusive Sonderschau des Privatsammlers Jonas Emmanuel von Sydow im Rahmen der AMI (Automobil International). Hier gab es Bestattungsfahrzeuge aus vier Epochen zu bestaunen. Von barock verzierten Kutschen bis hin zu einem Cadillac aus dem Jahr 1966, in dem Marlene Dietrich ihre (vor-?)letzte Reise antrat. Doch auch die ausgestellten Supersportwagen neueren Datums zogen die Aufmerksamkeit der WGT-Besucher auf sich, so mancher dürfte sich das ein oder andere Exemplar in mattschwarz erträumt haben.

Lichtscheues Gesindel (Stephan Wolf)

Lichtscheues Gesindel (Stephan Wolf)

Abends hätte es gepflegt ins Krystallpalast-Varieté gehen können, zu „Auf und davon – Lilli sucht die Sonne“. Die Exzentrikerin und neue „Weltkulturerbein“ Lilli wurde dabei von dem „Schweizer Messer der musikalischen Vielfalt“ Klaus Renzel begleitet und von Mario Berousek, dem „schnellsten Jongleur der Welt“ aus dem Pariser Moulin Rouge, ergänzt. Doch schon am Nachmittag hätte sich ein Besuch des Krystallpalasts gelohnt, drehten dort Kleinkünstler wie Music-Comedian Oliver Klein (sic) oder Düster-Bariton Clemens-Peter Wachenschwanz („Ich hab’s auch gern satanisch“) ihre illustren Runden gediegener Zwerchfellmassagen.

Obacht! WGT-Besucher schießen scharf (Stephan Wolf)

Obacht! WGT-Besucher schießen scharf (Stephan Wolf)

Selbstverständlich wurden auch Literatur, Film und bildende Kunst nicht außen vor gelassen. Im Literaturcafé (Haus des Buches) gab es zahlreiche Vorträge, Lesungen hingegen gleich über mehrere Veranstaltungsorte verteilt (Restaurant „Stein“, Shakunda), wobei sich insbesondere die Kriminalanthologien „Stammtischmorde“ von Volly Tanner, Andreas M. Sturm, Maria Schmidt, Jan Flieger und Frank Kreisler erheblicher Beliebtheit erfreuten. Einzig ein Lyrik-Forum hat noch gefehlt, um auch das literarische Angebot zur Vollständigkeit zu verhelfen. Für Cineasten wurde u. a. die deutsche „Vorab“-Erstaufführung des sagenumwobenen, französischen Animationsfilms „Jack und das Kuckucksuhrherz“ geboten, nebst Fritz Langs zweiteiligem Stummfilm-Abenteuer „Die Spinnen“ (1919/20) mit Live-Musikbegleitung.

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