Zu Gast bei Dirk Raulf

„Ich bin es gewohnt, zweckgebunden zu arbeiten“

Er brilliert als Solist, verblüfft mit Deep Schrott, leitet ein nach ihm benanntes „Orchestra“, realisiert die „Lichtpromenade Lippstadt“, arbeitet an zahlreichen Theatern, schreibt und produziert Hörspiele, betreibt musikhistorische Feldforschung und sein Label, „Poise“. Den Wahlkölner Dirk Raulf schlicht als Musiker klassifizieren zu wollen, greift angesichts seiner heterogenen Umtriebigkeit zwar nicht daneben aber auch nicht weit genug. Weswegen er auch mit dem Wikipedia-Eintrag zu seiner Person nicht einverstanden ist, wie er zu Beginn unseres Gesprächs betont.

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Meister (nicht nur) der Riesen-"Rotzkanne": Dirk Raulf (Stephan Wolf)

Meister (nicht nur) der Riesen-„Rotzkanne“: Dirk Raulf (Stephan Wolf)

Dirk Raulf: „Was da über mich geschrieben steht, entspricht einfach nicht den Tatsachen. Dass ich seit Jahren intensiv am und für das Theater arbeite, wird in einem Satz abgehandelt. Stattdessen wird hervorgehoben, dass ich mit Butch Morris gespielt habe. Mein Gott, dem bin ich irgendwann einmal begegnet, mehr nicht. Ich habe mal versucht, meinen Eintrag zu korrigieren. Aber da das alles nur anonym und eben nicht so einfach geht, war mir die Zeit einfach zu schade für diesen Kram. Wikipedia ist, ähnlich wie die ganzen Social Media, sicher hier und da mal nützlich, aber für mich häufig zeitfressender Kinderkram.“

amusio: „Wobei Zeit für Sie ja ein besonders wertvolles Gut sein muss, angesichts der Vielzahl ihrer eigenen Projekte und Auftragsproduktionen, an denen Sie mehr oder weniger maßgeblich beteiligt sind. Sind Sie ein Workaholic oder treibt Sie vor allem die Liebe zu dem was Sie tun immer wieder dazu an, über ein vermeintlich übliches Maß hinaus kreativ tätig zu sein?“

Dirk Raulf: „Sie sehen ja wie es hier aussieht (im Vorraum zu seinem Atelier türmen sich etliche Instrumentenkoffer und Reisetaschen), da liegt schon mein Gepäck für die kommende Woche bereit. Und das alles nicht nur zur Premiere von ‚Lucky Happiness Golden Express‘ am Schauspiel Essen, wo ich die von mir konzipierte Musik auch live spielen werde. Aber da liegen auch die Schwimmsachen von meinem sechsjährigen Sohn herum. Auch ihm zuliebe werde ich meinen Fokus etwas verschieben. Ich werde weniger live im Theater spielen, dafür mehr vor Ort produzieren, vor allem für Hörspiele. Allerdings ohne andere Terrains vernachlässigen zu wollen.“

Die Spielgeräte stets im Griff: Dirk Raulf (Stephan Wolf)

Die Spielgeräte stets im Griff: Dirk Raulf (Stephan Wolf)

amusio: „Sie können schlecht nein sagen, oder?“

Dirk Raulf: „Das mag sein. Aber manchmal steckt man nicht drin. Schon im vergangenen Jahr wollte ich meine Theaterarbeit reduzieren. Ich entwickelte Hörspielkonzepte und reichte sie ein, zunächst ohne Response. Also habe ich sämtliche Theateraufträge bestätigt. Und dann wurden auf einen Schlag sämtliche Hörspiele von mir angenommen. Jetzt habe ich quasi die doppelte Arbeit, aber wenn ich mich nun darüber beklagen würde, wäre dies ein Jammern auf sehr hohem Niveau. Ich kann vollkommen unabhängig arbeiten und autonom entscheiden, und: Ich kann von meiner Arbeit leben, ich brauche nicht, wie viele kulturschaffende Kollegen, noch anderweitig Geld verdienen.“

amusio: „Auf Wikipedia steht, mit Verlaub, Sie seien Autodidakt. Was angesichts Ihrer instrumentalen Fertigkeiten verwundern mag. Ist zumindest diese Information korrekt?“

Dirk Raulf: „Was bedeutet das schon? Egal ob als Autodidakt oder studierter Musiker, wenn das Ergebnis stimmt, fragt doch keiner danach, wo man es her hat. Oder wenn ein bildender Künstler mit seinen Werken reich wird, wen interessiert dann seine Ausbildung? Nun, mit zwölf habe ich ganz konventionell begonnen, Klarinette zu lernen. Doch irgendwann verlor ich das Interesse. Dann wurde ich gebeten, anlässlich einer Abi-Feier bei einem Blues mitzuspielen. Der Band und den Leuten gefiel das, und so habe ich mich dazu entschlossen, mir ein Saxophon anzuschaffen. Nach dem Zivildienst bin ich dann nach Köln gezogen, auch weil ich dachte, dass ich in der dortigen Jazzszene auf die richtigen Leute treffen könnte. Und so war es dann auch. Ich habe zwar immer wieder mal punktuellen Unterricht genommen, aber nicht im akademischen Sinne. Und mit den ersten Projekten, später mit der Kölner Saxophon Mafia, nahmen die Dinge ihren Lauf, wobei ich betonen möchte, dass ich mich nie als reinen Musiker verstanden habe. Ein Musiker übt täglich drei Stunden, geht dann ins Studio oder ins Konzert. Ich habe nie nur geübt, und schließlich schon früh extensiv am Theater und an interdisziplinären Projekten gearbeitet, nicht umsonst bin ich studierter Theaterwissenschaftler und eben kein studierter Musiker.“

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