Das erfreulich wählerische Label Karlrecords veröffentlicht dieser Tage mal wieder ausgesuchte Dokumente der musikalischen Avantgarde bzw. deren Bearbeitung. Am 5. September erscheint auf 2x Vinyl (CD-Version via Zeitkratzer Records) die bereits sagenumwobene Neueinspielung von Lou Reeds „Metal Machine Music“ des Improvisationsensembles Zeitkratzer. Eine Woche später geht es mit der Vinyl-Neuauflage von Morton Subotnicks zeitlos futuristischem „The Wild Bull“ weiter.

Morton Subotnik bei der Arbeit (1967 (mortonsubotnick.com)
Morton Subotnik bei der Arbeit (1967)(mortonsubotnick.com)

Der 1933 geborene und heute noch aktive Komponist, Musikpädagoge („Das erste Musik-Malprogramm für Kinder“) und Pionier der elektronischen Musik schuf mit dem bahnbrechenden Vorgänger „Silver Apples Of The Moon“ (auch bei Karlrecords wieder aufgelegt) eine Manifestation seiner Erfahrungen, die an der Seite von Don Buchla bei der Entwicklung des „Series 100“-Synthesizers gesammelt hatte.

Im Vergleich zu „Silver Apples Of The Moon“ mutet das ein Jahr später erschienene Album „The Wild Bull“ deutlich organischer an, so als habe sich Morton Subotnick mit seiner Komposition von der rein technischen Dimension sehr bewusst emanzipiert. Sie fußt inhaltlich auf einem sumerischen Gedicht, einem Lamento über Verlust und Tod in Zeiten des Krieges (der indes für die Sumerer ein unvermeidliches, unentbehrliches Gut darstellte). Von dieser Ambivalenz lebt die ungemein agile und abwechslungsreiche Komposition.

Sich mit ihr auseinanderzusetzen heißt auch, den musiktheoretischen Kontext nicht über zu bewerten. Morton Subotnick erhebt die Mittel zum Zweck, um eine kulturgeschichtlich verbriefte (Kriegs-) Ideologie nachzuempfinden. Dabei lässt „The Wild Bull“ durchgängig ausreichend Raum, um die Kontemplation des Hörers zu stimulieren. Und eben nicht, wie viele artverwandte Künstler, diese konzeptionell zu überfrachten.

Der Musiker dieser Tage (mortonsubotnick.com)
Der Musiker dieser Tage (mortonsubotnick.com)

Gerade den, vorsichtig formuliert, offenen Strukturen, die „The Wild Bull“ scheinbar mühelos (und sinnfällig) miteinander verwebt, verdankt das Album seine Zeitlosigkeit, welche die Neuauflage mit jeder Note rechtfertigt. Nur wenige Werke dieser am technischen Experiment interessierten Phase der elektronischen Avantgarde können eine vergleichbare Relevanz für sich beanspruchen. Wenn man so will, liegt mit „The Wild Bull“ vielleicht sogar eines der ersten elektronischen Konzeptalben der Geschichte vor, das beabsichtigter Weise von einem breiteren Publikum rezipiert werden sollte und wurde. Und das dank Karlrecords auch weiterhin rezipiert (und genossen) werden kann.

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karlrecords.bandcamp.com
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