Der Rest im Interview

„Die Zeit der Säuseleien ist vorbei“

Alles echt: Der Rest (Stephan Wolf)

Alles echt: Der Rest (Stephan Wolf)

amusio: „Und was du zu sagen hast, ist persönlich gehalten, etwa indem du die Songs deines neuen Albums Freunden gewidmet hast.“

Philipp Taraz: „Nicht nur gewidmet, sie handeln von ihnen, beziehungsweise von meinem Verhältnis zu ihnen. Von Liebe und Verwerfungen, von Anerkennung und Enttäuschung. Diejenigen, die noch leben, werden sich sicherlich wiedererkennen. Und denen, die nicht mehr unter uns weilen, fühle zumindest ich mich wieder sehr nah. Erst diese Authentizität schafft Anknüpfungspunkte für den Hörer. Meine Geschichten, so persönlich sie auch sind, bilden universelle Erkenntnisse und aus Erfahrung nachvollziehbare Gefühlswelten ab.“

amusio: „Das Album ist ein sogenannter Grower. Es springt den Hörer nicht unbedingt sofortig an, sondern entwickelt mit jedem Hördurchgang eine Sogwirkung. Ein Eigenleben, das sich erst nach und nach zwingend und einnehmend gestaltet.“

Philipp Taraz: „Mir ist es wichtig, dass ich keinem Ruck in irgendeine bestimmte Richtung nachgebe, dass ich mich nicht auf eine Kategorie hinbewege. Ich versuche, einfach nicht zu entsprechen. Wenn man sich aber nicht in eine Kategorie drängen lässt, ist es völlig normal, dass die Leute mehrmals hinhören müssen, um die Musik begreifen zu können. Der Rest ist sperrig, da viele Elemente mit hineinspielen. Der Rest mag zunächst überfordern und kann nicht ad hoc in seiner Gänze erfasst werden. Geht einfach nicht. Was keine Geduld erfordert, ist nichts Neues und nichts Authentisches. Hielte man mir allerdings eine Pistole an den Kopf dann würde ich mich zu dem Label Depro-Punk bekennen.“

amusio: „Fliehende Stürme, EA 80…“

Philipp Taraz: „Ja, da bestehen Schnittmengen. Andreas Löhr von den Fliehenden Stürmen habe ich schon in Portugal besucht. Er lebt im Winter an der Algarve, inmitten von menschenleeren Betonburgen. Dann sitzt er auf einem roten Felsen und schreibt seine Texte, er ist primär Schriftsteller. Aber ich habe nie bei ihm geklaut. Und EA 80 würde ich am liebsten einen Pokal überreichen, für die Konsequenz mit der sie das Kommerzding völlig ausgeblendet haben. Sicher sind die mehr Punk als wir das jemals sein werden.“

Alive & kicking: Philipp Taraz (Stephan Wolf)

Alive & kicking: Philipp Taraz (Stephan Wolf)

amusio: „Dem Rest wurde aber auch eine Nähe zur Hamburger Schule angedichtet.“

Philipp Taraz: „Ein Fluch! Wie ich dieses Genöhle, dieses Gemeckere verachte! Tocotronic, Blumfeld und der ganze aufgesetzte Mist. Aber was soll ich machen? Ich wohnte und wohne in Hamburg, die Musik war von einem hohen Akustikanteil geprägt, was sie nicht mehr ist. Aber irgendwie werde ich nach wie vor zu Unrecht von der Hamburg-Connection vereinnahmt.“

amusio: „Verbindet dich etwas mit Köln?“

Philipp Taraz: „Sicher doch. Ich muss da an einen Gig im ‚L‘ denken. Da wurde mir auf der Bühne mein erstes Kölsch gereicht. Und das habe ich mir vor lauter Rührung unbeabsichtigt ins Gesicht geschüttet. Mein Mund aber blieb trocken und leer (lacht). Ich habe einen Teil meiner Jugend in Bonn verbracht. Mit der Frau von Hans-Dietrich Genscher als Chemie-Lehrerin, mit der ich es mir aufgrund einer frechen Bemerkung direkt am ersten Schultag verscherzt hatte.“

amusio: „Wäre Frau Genscher nicht auch einen Song wert?

Philipp Taraz: „Nein, das ist zu weit weg, Lieder müssen so persönlich sein wie es nur irgendwie geht. Es muss wehtun! Ich fordere Authentizität um jeden Preis, und wenn die Leute nichts damit anfangen können, dann ist es eben so. Dabei entstehen meine Texte immer wie von selbst: hey, wo kommst du denn jetzt her?! Hätte ich das Gefühl mich bewusst anzubiedern, würde ich sofort aufhören und mich in Thailand an den Strand setzen. Wer meine Lieder hört, der weiß genau wer ich bin. Wer meine Musik mag, der mag mich auch als Mensch. Das hat sich immer bewahrheitet. Und ich bin wiederum sicher nicht der Typ, der sein Publikum verachtet.“

Der Rest live:
07.08. Hannover (Kulturpalast)
23.08. Hamburg (Astrastube)
11.09. Hamburg (Logo / 4 Elemente Festival)
18.10. Neustadt (Forum)
14.11. Bochum (Matrix)
15.11. Berlin (K 17)
09.12. Dresden (Chemiefabrik)

Video zu „Die Zeit danach“:
youtube.com/watch?v=kOz-z7RCMWU

facebook.com/derrest

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!