Oberer Totpunkt in Köln

Desiderat: Feier-Abend

Nach soeben verrichtetem Tagewerk bestaunen Drummer Michael Krüger und Gitarrist Stefan Frost die Eingangsfront des legendären „Blue Shell“. Hielt sich der Andrang auch in Grenzen (dies sei dem lauen Sommerabend zur Ferienzeit geschuldet), so erfreuen sich beide doch ob der nun unumstößlichen Tatsache, in einem Club aufgetreten zu sein, in dem der Geist eines Conny Planks noch ebenso gegenwärtig ist wie jene Grabenkämpfe, die vor Jahrzehnten an diesem Ort zwischen Ur-Punks und Alt-Rockern ausgefochten wurden. Dann tritt Bettina Bormann, Diseuse und Deuterin menschlicher Abgründe, hinzu. Und schon geht sie los, die spontane After Show Party unterm Kölner Nachthimmel.

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In ihrem Element: Bettina Bormann (Stephan Wolf)

In ihrem Element: Bettina Bormann (Stephan Wolf)

Was Freunde und Fans an Oberer Totpunkt (kurz: OT) so fasziniert und insbesondere auch live immer wieder begeistert, das will natürlich im direkten Gespräch an die Protagonisten herangetragen werden. Schon lechzt der ein oder andere Schwärmer nach neuem Material, nach einem würdigen Sukzessor des (nach wie vor aktuellen) Albums „Desiderat“. Doch Bettina wiegelt ab: „Wir haben während der Aufnahmen zu ,Desiderat‘ festgestellt, wie wichtig es war, dass wir uns ausreichend Zeit gelassen haben, damit das Material gut ausreifen konnte. Außerdem freue ich mich jetzt erst einmal darauf, mein nächstes Romanprojekt in Angriff zu nehmen.“ Nach den gesammelten Short Stories „Das Flüstern der Mördermuscheln“ und dem Buch & CD-Set des Romans „Imago – Für Immer Dein“ steht also in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft die dritte Buchveröffentlichung der gleichsam grazilen wie einnehmenden Künstlerin an.

Tatsächlich tut ein neues Album von OT noch längst nicht Not. Denn mit „Desiderat“ ist den Norddeutschen ein Werk (und Indie-Chartbreaker) gelungen, das direkter ins Schwarze (sic) trifft und schneller auf den Punkt kommt als die drei Vorgänger. Dabei, und das macht es so besonders wertvoll, klingt es auch nach dem X. Hördurchgang noch wie frisch gezapft. „Sicher stand auch diesmal die Erzählmotivation am Anfang der ganzen Angelegenheit. Doch diesmal verspürten wir eine große Lust, mal etwas Tanzbares zu kreieren“, bestätigt Bettina die landläufige Meinung. Musik nicht nur für den Kopf und fürs Herz, sondern auch für Bauch und Beine.

Und das soll dann eine Spoken Word Performance auf Minimal Electro sein?! (Stephan Wolf)

Und das soll dann eine Spoken Word Performance auf Minimal Electro sein?! (Stephan Wolf)

„Von dem Minimal Electro unserer Anfänge, der in erster Linie Bettinas Vortrag zuarbeiten sollte, haben wir uns schon früh entfernt und sind immer musikalischer geworden“, schaltet sich der passionierte Taucher Michael ein.

„Mit unserer ,Fehlfarben‘-Coverversion von ,Paul ist tot‘ auf dem Album ,Stiller Zoo‘ haben wir dann den Vogel abgeschossen. Was für eine Bombastnummer! Am Ende standen wir aufgrund auch der zahlreichen Gastauftritte von befreundeten Musikern mit 120 Spuren da, alle auf einem Laptop! Das wollten zunächst selbst die Software-Entwickler von Propellerhead Reason gar nicht glauben! Dito unser Mix- und Mastermann Tom Wendt. Sehr lustig, sehr schön und gut. Aber es reichte uns. Also haben wir uns bei ,Desiderat‘ bewusst reduziert.“

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