Vom Hoftheater Ludwig XIV. und späteren Bühnen

Molières Musen

Als Schöpfer der Gattung Comédie-ballet schrieb sich der Dichter und Schauspieler Jean-Baptiste Poquelin alias Molière (1622 – 1673) auch in die Musikgeschichte ein. Damit trug er bekanntlich in der – nicht immer ganz einfachen – Kooperation mit Jean-Baptiste Lully zu den Theateraufführungen für die Hoffeste des „Sonnenkönigs“ nicht unwesentlich bei. Das Zerwürfnis mit dem Hofkapellmeister im Jahr 1672 führte dazu, dass er zuletzt mit Marc-Antoine Charpentier zusammenarbeitete. Die musikalische Seite der Comédie-ballet bestand ím Einsatz von instrumental begleiteten Gesangsstücken, zu denen der Prolog gehören konnte. Vor allem handelte es sich aber bei den Airs und den Dialogen zwischen Schauspielern und Sängern um auskomponierte Teile.

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Jean-Baptiste Poquelin alias Molière auf dem Gemälde von (Charles Antoime Coypel)

Jean-Baptiste Poquelins alias Molières Nachleben: auf einem Gemälde von 1730 (Charles Antoine Coypel)

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und im Grunde bis jetzt gab es punktuell immer wieder Bemühungen, dem Publikum den originären Ballettcharakter von Molières Comédie-ballets nahezubringen, was aber nur manchmal – wie vor nicht langer Zeit in Aachen – und nicht immer mit nachhaltigem Erfolg gelang. Hans Werner Henze nahm sich in teils collagierten Gestaltungen oder Kontrafakturen anderer Bühnenwerke aus den Stücken an, zunächst mit einem Tanzschauspiel nach Georges Dandin ou le Mari confondu, dann mit Le disperazioni del Signor Pulcinella (1949). 1995 unterzog Henze die Musik einer Revision und änderte sie in eine Comedia di balletto con canto um, wobei die Handlung bei Molière nach Neapel verlegt und Georges Dandin in den Signor Pulcinella verwandelt wurde.

Originaldruck der Comédie-ballet "Bürgers als Edelmann" (1673, Bibliot´hèque nationale de France)

Originaldruck der Comédie-ballet „Der Bürger als Edelmann“ (1673, Bibliothèque nationale de France)

1673 hatte Charpentier den Eingebildet Kranken noch zu Lebzeiten des Dichters vertont und noch lange nach Molières Tod wirkten seine Komödien – bis in die Postmoderne ungebrochen, wie Henzes Versionen zeigen – weiter: 1727 veröffentlichte Johann Adolph Hasse ein Intermezzo nach Lullys Le Divertissement de Chambord (1669), das auf Molières Monsieur de Pourceaugnac beruhte, 1963 komponierte zu diesem Sujet Frank Martin eine Oper.

André Ernest Modeste Grétry schrieb nach Molières Amphitryon hundert Jahre später das gleichnamige Musikdrama (1786), derin Schweden ansässige Komponist Joseph Martin Kraus hierzu 1787 eine Bühnenmusik. Le Bourgeois Gentilhomme („Der Bürger als Edelmann“), einst Höhepunkt von Molières Zusammenwirkens mit Lully, gestaltete Charles Gounod 1852 bühnenmusikalisch, Richard Strauss folgte im 20. Jahrhundert mit ganzen drei Vertonungen desselben Schauspiels, wobei die letzte 1920 eine Orchestersuite darstellte.

1786 trug André Ernest Modest Grétry () mit dem Bühnenwerk Amphitryon zu Molières Nachruhm bei. (http://www.liveauctioneers.com/item/2236181, Gemälde von Élisabeth Vigée-Lebrun)

1786 trug André Ernest Modest Grétry (1741 – 1813) mit dem Bühnenwerk „Amphitryon“ zu Molières Nachruhm bei. (http://www.liveauctioneers.com/item/2236181, Gemälde von Élisabeth Vigée-Lebrun)

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.