Barocke Tanzmusik, die heute noch (fast) jeder kennt

Vom Scherzo verdrängt: das Menuett

Die Behauptung, dass Menuette erstmals am Hof Ludwig XIV. nach Lullys Musik getanzt wurden, scheint zweifelhaft, denn Tänze mit „kleinen Schritten“ im Dreivierteltakt, um die Bedeutung vorab zu klären, gab es auch schon früher – in Frankreich namentlich bekannt durch den Volkstanz Branle aus der Provinz Poitou. In Deutschland zumal wurde der Paartanz, der sich nicht nur am Hof durch seine kunstvoll entwickelten Figuren auszeichnete, besonders im 18. Jahrhundert jedem Ballabend als Entrée vorangestellt.

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Maurice Ravel erwies dem Menuett eine späte Reverenz in seinem Tombeau de Couperin (1919, GNU B. Fernbacher, 2006).

Maurice Ravel erwies dem Menuett eine späte Reverenz in seinem Tombeau de Couperin (1919, GNU B. Fernbacher, 2006).

Im Frankreich der Barockzeit bildete es nach Branle, Courante und Gavotte den Schlussteil der königlichen Tanzveranstaltungen. Dem Ausdruck nach war es laut Johann Mattheson „gemacht zum Spielen, zum Singen, zum Tantzen“, insbesondere zeichne das Menuett kein anderer Affekt als „eine mässige Lustigkeit“ aus. Einschnitte müssen deutlich hörbar sein, die Melodie in geradzahlige Taktgruppen unterteilt, in der Regel weise es eine teils auch punktierte Melodie auf, die nicht mehr als 16 Takte umfasse.

Eine Sammlung von Menuetten aus verschiedenen Zeiten ist unter dem Titel "Menuett am Mittag" zu hören (Sony 2001).

Eine Sammlung von Menuetten aus verschiedenen Zeiten ist unter dem Titel „Menuett am Mittag“ zu hören (Sony 2001).

So weit die Theorie um 1740. Eine starrte Norm existierte in der Kompositionsform des Menuetts allerdings in der Praxis nie, auch nicht in Versailles. Chambonnières nahm es bereits als festen Bestandteil in die Suite auf. In der österreichischen und süddeutschen Serenade taucht es später, etwa bei Mozart, in eher ernstem Charakter neben dem heiteren Rondo auf. Nach 1750 beginnt sich so der Tanz in (vor-)symphonischen Werken und Kammermusik schon von seinem ursprünglichen Ort, dem Dorfplatz oder im aristokratischen Milieu von der Ballettbühne zu emanzipieren und zu verselbstständigen. Sein Einfalltor in die Symphonie fand das Menuett in der neapolitanischen einleitenden Opernsinfonia, für die beispielhaft Alessandro Scarlattis Ouvertüren genannt seien. Der Tanz bildete nicht selten den Mittel- oder Schlusssatz französischer Orchestermusik, Haydn gebrauchte es sowohl in Streichquartetten als auch in der Symphonie als eigenständigen, meist dritten Satz mit Zügen des an gleicher Position stehenden Scherzos, von dem es in der Folge kaum mehr klar zu unterscheiden war.

Auf einer Postkarte von 1912: Menuett de la Reine (Leo Rauth, GNU)

Auf einer Postkarte von 1912: Menuett de la Reine (Leo Rauth, GNU)

Bis zu Schuberts Klaviersonaten hielt sich das Menuett als häufig angewandte Form in seinem ganz tänzerisch empfundenen Wesen. Seine Rezeption verebbte im 19. Jahrhundert allmählich zu Gunsten des Ländlers und des Scherzos, doch lebte es in der dynamischen Bezeichnung Tempo di Minuetto weiter: In Brahms‘ Opus 51 erscheint es beispielsweise noch. Sowohl die impressionistische Musik als auch die Zweite Wiener Schule bediente sich seiner hin und wieder, aber nur zum Teil aus Interesse an der Form selbst, häufig mehr im Sinne der Reminiszenz an eine vergangene Epoche. Eine entspannte Sammlung von Menuetten aus verschiedenen Zusammenhängen bietet übrigens die Kompilation Menuett am Mittag, erschienen bei Sony Classical (2001, B00005NZOS).

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.