Das letzte große Gemeinschaftswerk von Molière und Jean-Baptiste Lully, datiert 1670,  ist mit Pascal Rénéric als Möchtegern-Aristokrat und wohlhabender Monsieur Jourdain, Bénédicte Guilbert als Dorimène und Nicolas Orlando als Fechtmeister im kommenden April im Schloss Versailles – also der Umgebung seiner Entstehung und Premiere denkbar nahe –  in vier Aufführungen zu erleben. Christophe Coin leitet das Ensemble La Révérence in der Opéra Royale am 8., 9. und 10.4.2015 jeweils um 20 Uhr und am 11.4. um 15 Uhr, die Choreographie besorgt Kaori Ito, für die Kostümierung zeichnet Christian Lacroix verantwortlich.

Les Comédies Tavelloises mit dem Schlusstableau des Bourgeois Gentilhomme von der Aufführung in Tavaux am 10.4.2010 (Les Tavelloises)
Les Comédies Tavelloises mit dem Schlusstableau des Bourgeois Gentilhomme von der Aufführung in Tavaux am 10.4.2010 (Les Tavelloises)

Um die Handlung ins Gedächtnis zu rufen: Jourdains einziger Ehrgeiz besteht darin, unter allen Umständen seine unedle Herkunft hinter sich zu lassen, selbst um den Preis der Ausbeutung durch eben diejenige Aristokratie, der er angehören will. Dabei macht er sich in jeder Weise lächerlich: durch seinen schillernd kostümierten Auftritt im Bürgerhaus der eigenen Familie, durch unnützes Wissen, das ihm ein verschrobener Philosophielehrer vermittelte, durch unvollkommene Fechtkünste, die sich schlecht in den gewohnten Alltag fügen wollen. Amüsante Effekte erzielte Molière hier mit der wechselseitigen Anbahnung von Affären zwischen dem Adel und dem Bürgertum. Immer wieder suchen die Frauen den Verirrten zu retten, insbesondere Jourdains Gemahlin und die Haushälterin Nicole, die selbst zu Opfern zu werden drohen, dank ihres Weitblicks und Realitätsgefühls, das den männlichen Figuren längst abhanden gekommen ist. Doch gelingt am Ende die Versöhnung zwischen der aristokratischen und großbürgerlichen Sphäre, indem Jourdain zum unfreiwilligen Ehestifter wird und dank türkischer Delegation zum „Mamamouchi“ avanciert.

Programm der Comédie-Ballets, Molières selbst geschaffener Bühnengattung, ist auch hier die Mäßigung der Leidenschaften, wie sie La Bruyère und La Rochefoucauld zur selben Zeit der aristokratischen Gesellschaft am Hof empfahlen – mit mehr und weniger Erfolg. Gewissermaßen lässt sich Molière auch als feministischer Dramatiker verstehen, der hier vor allem der bürgerlichen Frau ein hohes Maß an Klugheit und Vernunft attestiert. Wenn man einmal von der intriganten Natur seines Partners Lully absieht, die nicht zuletzt für den endgültigen Bruch zwischen beiden Hofgrößen verantwortlich war, so ergänzte dieser die Komödie doch kongenial durch seine feinfühlige musikalische Gestaltung in den Ballett- und Gesangsszenen. Bekanntlich erhielten gerade die Instrumentalsätze Lullys eine vorher nicht gekannte dramatische Bedeutung für jedes Bühnenwerk als Ganzes. Dabei bleiben die ariosen Partien melodisch schlicht, erzielen aber durch ihre harmonische Ausgestaltung anrührende Innigkeit. Gerade die Szenen, in denen der ungelenke Jourdain vom Tanzmeister „ausgebildet“ wird, gaben Lully reichlich Anlass, seine Satzkunst in Bourrée, Gavotte und anderen Tänzen unter Beweis zu stellen.

Auf 2 DVDs liegt das komplette Comédie-ballet Der Bürger als Edelmann in einem Mitschnitt am Theater Le Trianon mit Martin Fraudreau als Dirigent und Le Poème Harmonique vor. Das Spiel der Sänger wirkt allerdings gemessen an den Standards von Molières Epoche etwas steif. (Alpha 2005, B000A0HG1Q).
Auf 2 DVDs liegt das komplette Comédie-ballet Der Bürger als Edelmann in einem Mitschnitt am Theater Le Trianon mit Martin Fraudreau als Dirigent und Le Poème Harmonique vor. Das Spiel der Sänger wirkt allerdings gemessen an den Standards von Molières Epoche ein wenig steif und theatralisch (Alpha 2005, B000A0HG1Q).

Das im Kern vierköpfige Ensemble La Révérence, durch viele Konzerte und Einspielungen nicht nur dem französischen Publikum vertraut, setzt sich zusammen aus jeweils einem Experten für Barockgeige, Gambe, Traversflöte und Cembalo, wobei der Dirigent der kommenden Aufführungen mit Originalinstrumenten, Christophe Coin, selbst seit langem an der Viola da Gamba sitzt. Coin lehrt als Professor für Viola da Gamba am Pariser Konservatorium und ist nicht zuletzt deshalb als Experte für Alte Musik ausgewiesen, man darf sich also schon jetzt auf den Bürger als Edelmann in Versailles freuen!

 

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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