Als Ausklang zum Sonntagabend drehte sich in der buntbelaubten Umgebung der Weimarer Altenburg diesmal fast alles um Naturklänge und Vogelstimmen. Zum zweiten Mal, nunmehr in seiner verdienstvollen Soiréen-Reihe, hatte Prof. Christian Wilm Müller von der Musikhochschule Franz Liszt einen besonderen jungen Künstler aus Frankreich einladen können, nachdem dieser vor Jahren bereits im renommierten Weimarer Musikgymnasium Schloss Belvedere aufgetreten war. Lorenzo Soulès, als Hochbegabter schon mit fünf Jahren Schüler am Konservatorium Claude Debussy in Saint-Malo, hatte bereits mit 13 Jahren am Pariser Conservatoire abgeschlossen, um sich anschließend bei dem Weltklassepianisten Pierre Laurent Aimard und bei Tamara Stefanovich in Köln zu vervollkommnen. Wenig später studierte er zudem bei Alicia de Larroche und erarbeitete mit ihr den Ibéria-Zyklus von Isaac Albéniz.

Brillantes und hochvirtuoses Spiel bei gleichzeitiger Versenkung in die elegisch-lyrische Natur der ausgewählten Werke demonstrierte am 19. Oktober in Weimar der mehrfache erst 22 Jahre alte Preisträger Lorenzo Soulès (H.-P. Mederer).
Brillantes und hochvirtuoses Spiel bei gleichzeitiger Versenkung in die elegisch-lyrische Natur der ausgewählten Werke demonstrierte am 19. Oktober in Weimar der mehrfache erst 22 Jahre alte Preisträger Lorenzo Soulès (H.-P. Mederer).

Olivier Messiaen gilt zwar als einer der Urheber und Motoren des Serialismus in Frankreich, doch ging er mit seiner empirischen und penibel genauen Erfassung von Vogelstimmen auf Spaziergängen und dem daraus hervorgehenden Klavierzyklus Catalogue d’oiseaux (1956-58) einen anderen Weg, indem er Balz- und Warnsequenzen als große Musik erkannte und die Vögel gleichsam als Komponisten. Dabei waren  an diesem Abend daraus nicht nur die expressionistisch aufgeladenen avantgardistischen Einzelpartien Die Blaumeise und Der Waldkauz zu hören, sondern auch Messiaens harmonisch-versöhnliche Interpretation des Gesangs der Heidelerche. Insbesondere hier kam Soulès‘ exzeptionelle Fähigkeit, die Verbindung von Pedal und Anschlag so zu steuern, dass Einzelklänge ganz ausgelastet werden und ihnen solange nachzuhören ist, bis sie mit den Obertönen zusammen in den idealen harmonischen Schluss verklingen und sich verflüchtigen.

Franz Liszts Residenz in Weimar: die Altenburg, heute ein Treffpunkt für Konzerte mit renommierten und international beklannten Künstlern (Zarafa).
Franz Liszts Residenz in Weimar: die Altenburg, heute ein Treffpunkt für Konzerte mit renommierten und international beklannten Künstlern (Zarafa).

Bei seiner Deutung von Schumanns völlig konträr dazugesetzten Waldszenen (1848-49) , die in den gegenwärtigen Konzertrepertoires häufiger auftauchen, zeigte sich der zweiundzwanzigjährige Pianist bei aller Bescheidenheit seines Auftritts gleichermaßen als Meister des Stimmungswechsels: Ihm gelingt die schnelle und vollendet schöne Realisierung des Elegischen und Lyrischen nach technisch abenteuerlich schwierigen, virtuosen Skalenläufen reibungslos. Gedankliche Tiefe und sensibel erfasste Charakteristik zeichnen sein Spiel besonders im siebenten der neun Stücke, Vogel als Prophet, aus. Die Akustik des attraktiven Konzertsaals konnte lediglich die fortissimo-Passagen etwa in der Szene, in welcher der imaginierte Wanderer den Wald betritt, im Jäger auf der Lauer und dem Jagdlied, nicht vollständig differenziert abbilden.

Olivier Messiaen (1908 - 1992; Studio Harcourt, Bibliothèque nationale de France)
Olivier Messiaen (1908 – 1992; Studio Harcourt, Bibliothèque nationale de France)

Bei allem Ernst, mit dem Soulès als Hommage an Weimar die beiden späten Liszt-Stücke angefügt hat, scheint in seiner ästhetisch stimmigen Interpretation doch auch etwas von der heiteren Seite der Komponistenseele durch: Die rollenden Triller in den Durpassagen des Csárdás macabre etwa glänzten in südlichen goldenen Herbstfarben und erinnerten in ihrer abschattierten Brillanz eher an Xylophon- und Vibraphonklänge als an die des Klaviers. Die Kontrastierung mit der eher nachdenklichen und düsteren Programmatik der Stücke gelang an jeder Stelle mit großer Überzeugungskraft. Eine freundliche Zugabe des hochkonzentriert und überlegt agierenden Pianisten mit einer Bartók-Ballade rundete als weiterer ungarisch-deutscher Beitrag den Konzertabend ab. Es ist zu bedauern, dass sich wegen des nachsommerlich-warmen Wetters nicht noch mehr Besucher, sei es das Weimarer Publikum, seien es Gäste in den Herbstferien, auf diese glänzende Soirée eingelassen haben.

 

 

 

 

 

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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