Hurtigruten mit Akkordeon: Frode Haltli (hubromusic)
Hurtigruten mit Akkordeon: Frode Haltli (hubromusic, amazon)

Erschöpft aber glücklich wieder aufstehen lässt es sich mit Frode Haltli und seinem bereits erschienenen Album „Vagabonde Blu“ (Hubro/Grappa). Der in Oslo lehrende Akkordeonist widmet sich mit größter Sorgfalt dreier Fremdkompositionen, eine von Salvatore Sciarrino (das titelspendende, hochgradig ambiente „Vagabonde Blu“), eine des mehrfach ausgezeichneten und 2010 verstorbenen Arne Nordheim (das Abgründe andeutende „Flashing“) sowie eine des ein Jahr später in die ewigen Jaggründe gegangenen Aldo Clementi („Ein Kleines…“, ein bislang kaum gehörtes Schlaflied dieses Meisters der kontrapunktischen Idee). Hier ist höchste Aufmerksamkeit gefordert, zumal es Frode Haltli mit dem Akkordeon gelingt, den akademisch veranschlagten Kompositionen eine Vitalität zu verleihen, die mitten im Leben steht und nur in gelegentlichen Fußnoten die Transzendenz erzwingt. Bleibt nur die Frage: Wer schreibt die Symphonie, zumindest das Konzert, fürs Akkordeon? Da muss Frode Haltli wohl selbst noch mal ran. Als Visitenkarte für das von ihm leidenschaftlich kuratierte Instrument funktioniert „Vagabonde Blu“ aber schon jetzt ausgezeichnet! Natürlich alles „live“: Oslo, 16. September 2009.

Jedem sein Ritual, jedem seine Moral: David Shea (Room 40)
Jedem sein Ritual, jedem seine Moral: David Shea (Room 40)

Bei David Shea dürfte zumindest den Kennern von John Zorn und der NYC-Downtown-Szene ein Licht aufgehen. Und wer sich nicht dazu zählt, der darf sich dennoch an einem Album namens „Rituals“ (Room 40, bereits erhältlich) erfreuen, das Annäherungen an Erkenntnis (buddhistisch/taoistisch) mit dem Visionären eines Luc Ferrari („Tape-Maestro“) oder eines Giacinto Scelsi (der surreale Oszillator) auf den einzelnen Ton hin verdichtet. David Shea ist ein Eklektizist ohne Eintrag im Buch der Verwerfungen, bei ihm zählen Klang und Gestus gleichermaßen, es existiert kein Überhang. Selbst wenn der umfangreiche Back-Catalogue geläufig sein sollte: Mit „Rituals“ wird David Shea greifbarer, nachvollziehbarer als je zuvor. Und bleibt dennoch ein Mysterium tonaler Hybris. Was ist wahr? Oren Ambarchi, Joe Talia oder Scanner haben dabei geholfen, einer eindeutigen Antwort aus dem Weg zu gehen. David Shea könnte man beinahe schon Selbstgerechtigkeit vorwerfen, da seine „Rituale“ letztlich doch „nur“ diejenigen sind, die wir unbewusst feiern, ohne sie verstanden zu haben. Die Platte ist dennoch frei erhältlich (fordert den HiFi aber ordentlich heraus!).

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