Pfade durch die Musiklandschaft Australien VI

Die scheinbare Beliebigkeit: Neues von Jane Stanley

Beim Hineinhören in die „Appetithäppchen“, die sie im Cloud-Format auf ihrer eigenen Website veröffentlicht hat, erhält man schon einen Begriff von der persönlichen Musiksprache der australischen Komponistin, die derzeit in Schottland lebt. Sie stellt sich in harmonischer wie melodischer Faktur eines Teils dar als scheinbar aleatorisches Experiment mit Wurzeln in der dodekaphonen Reihentechnik, die einen ständigen Wechsel in der Tonsequenzierung ohne Repetition oder Intervallwiederholungen erfordert. Dementsprechend schwer fällt es einen melodischen Duktus zu identifizieren, umso interessanter wird es allerdings, die Spuren einer Struktur in solchen Stücken wie Gathering (2009) oder On Bright Air (2011) für Flöte alleine zu verfolgen und zu einer Einheit zusammenzuhören. Erst nach dem Ausschwingen der letzten Note(n) wird der musikalische „Sinn“, den natürlich jeder ein wenig anders interpretieren würde, deutlich.

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Im Hintergrund der weithin in der Stadt sichtbare alte Turm der Universität von Glasgow (geograph.org.uk, Thomas Nugent), an der die Australierin Jane Stanley doziert.

Im Hintergrund der weithin in der Stadt sichtbare alte Turm der Universität von Glasgow (geograph.org.uk, Thomas Nugent), an der die Australierin Jane Stanley doziert.

Im März 2015 wird eine der neuesten Kammermusikkompositionen Stanleys, Pentimenti, durch Lauryna Sablevicuite und Nicholas Ashton in der Konzerthalle der Universität von Glasgow geboten, nachdem sie dank Emilia Sitarz und Bartlomiej Wasikim im Oktober auf den ISCM-Weltmusiktagen in Polen 2014 sowie bereits zuvor in Edinburgh und Salford erklingen konnte. Außerdem kommt im neuen Jahr die Klaviersonate für Bernadette Harvey zur Aufführung, ein Klarinettenquartett und ein noch unbezeichnetes Werk für Mezzosopran, Klavier und Schlagzeug sind momentan noch work in progress.

Ungewöhnlich war im übrigen schon die Besetzung von Midnight Meditations aus dem Jahr 2002, geschrieben für ein Mandolinen-Quintett. Four Desert Flowers, ein vom Eindruck australischen Ambientes geprägtes Stück für Flöte und Marimba, wurde von Ruth Morley und Ryan Macleod in Glasgow interpretiert. Stanley Werke wurden vom Lutoslawski Duo, vom Ensemble Offspring und dem New Zealand Symphony Orchestra – um nur einige zu nennen – aufgeführt.

Auch in der Heimat Australien waren einzelne Werke der ehemaligen Studentin von Ross Edwards, Anne Boyd und Peter Sculthorpe zu hören: So spielte Zubin Kanga Stanleys Klavierstück Diptych im August 2012 in Melbourne und in Sydney. In den USA wirkte die quirlige Australierin, die seit 2006 an der Universität von Glasgow unterrichtet, als Fellow an diversen Hochschulen, unter anderem in Harvard, und arbeitete mit dem Tanglewood Brass Ensemble zusammen, von dem sie 2009 mit der Komposition Palimpsest beauftragt wurde.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.