Musik der Karibik XIII

Bunte Brise aus Tönen

Aus eurozentrischer Sicht mag die Entwicklung der Musikgeschichte in der Karibik, hier der Dominikanischen Republik, verspätet erscheinen. Durch die Initialzündungen verschiedener Persönlichkeiten im 20. Jahrhundert entstand aber ein Netzwerk, das verschiedenste Ausrichtungen und Stilmelangen insbesondere aus der Folkloristik und dem Jazz, um nur zwei Beispiele anzuführen, begünstigte. Da die Hauptstadt Santo Domingo im Jahr 1822 von den Haitianern attackiert und besetzt wurde, lehnte die Mehrzahl der selbst überwiegend aus Mulatten bestehenden Bevölkerung jegliche neoafrikanische Kulturpflege ab, die sich erst auf Initiative von Seiten der Intellektuellen und der Politik seit 1970 wieder rehabilitieren konnte. Dementsprechend herrschte in der Zwischenperiode die Rezeption spanischer Einflüsse vor, auch iberische Folklore setzte sich durch und wurde entsprechend von einheimischen Modellen integriert. In der Kunstmusik dominierten zunächst neoromantische Strömungen und später – durch den prägenden Stil von Enrique de Machena – ein romantisch gefärbter Impressionismus.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Michel Camilo (geb. 1954 in Santo Domingo) bei vollem Einsatz am zweiten Tag des Hudson Festivals 2008 (Erinc Salor)

Michel Camilo (geb. 1954 in Santo Domingo) bei vollem Einsatz am zweiten Tag des Hudson Festivals 2008 (Erinc Salor)

Sogar die Zwölftontechnik schlug spätestens in den 1950er Jahren in der Dominikanischen Republik ein – und Wurzeln. Mit dieser Kompositionstechnik behaupteten sich insbesondere die 1921 geborene Margarita Luna, eine ehemalige Studentin der Juilliard School of Music und Miguel Pichardo-Vicioso. Die Avantgarde der Inselrepublik setzte sich vor allem in den Jahren 1970 bis 1989 mit sämtlichen erfolgreichen zeitgenössischen Techniken auseinander; seither wird hier auf Augenhöhe mit Europa und den USA Musik(geschichte) geschrieben. Der explosionsartigen Ausdifferenzierung der Kunstmusik vor vierzig Jahren gemäß wurden auch „über dem Ozean“ einige Komponisten der Dominicana dem Fachpublikum bekannt, unter anderen Esteban Peña Morell.

Morell besuchte die Kompositionsklasse des Spaniers Pedro San Juan und spielte in dessen Orquesta Filarmónica de La Habana Fagott. Vorübergehend hielt er sich auf Kuba auf, um das Musikarchiv der Kathedrale zu ordnen und eine Anzahl beschädigter Handschriften zu restaurieren. 1929 gründete er in seiner Heimat eine Musikschule, zog aber ein Jahr später in die Vereinigten Staaten um, 1933 nach Spanien. Er komponierte hier Arrangements für den dominikanischen Bariton Eduardo Brito und leitete eine katalanische Militärkapelle. Sein Sinn für Systematik setzte sich immer wieder durch: So sammelte Morell dominikanische Folklore und verfasste das Buch Folko-música dominicana, dessen Manuskript leider durch den Hurrikan von San Zeno 1930 vor seiner unmittelbaren Verbreitung in der Druckerei zerstört wurde. Auf ihn gehen die populäre Zarzuela Alma criolla und die sinfonische Dichtung Anacaona zurück.

Hier kommt auch die Kirchenmusik nicht zu kurz: Church of Sta. Barbara in Santo Domingo (Jerrye & Roy Klotz, MD, 2013).

Hier kommt auch die Kirchenmusik nicht zu kurz: Church of Sta. Barbara in Santo Domingo (Jerrye & Roy Klotz, MD, 2013).

Bei Morell studierte auch José Dolores Cerón, der außerdem das Cello- und Kontrabassspiel erlernte. Bereits im Alter von 23 Jahren gründete er sein eigenes Orchester, in dem er in dreifacher Funktion den Dirigenten, Komponisten und Cellisten verkörperte und mit dem er im Club de Artesanos auftrat. 1930 avancierte er zum Direktor der Banda de Música der dominikanischen Streitkräfte. Er fungierte weiter als künstlerischer Direktor des Radiosenders La Voz Dominicana und leitete dessen Orquesta de Conciertos. Neben etlichen Orchesterwerken, darunter zwei Sinfonien und die sinfonischen Dichtungen A Caída de la Tarde oder Las Vírgenes Galindo komponierte José Cerón so Unterschiedliches wie den Hymnus für das Nationalheer und eine Reihe beliebt gewordener Romanzen.

Die 1907 in Santo Domingo geborene Komponistin Ninón de Brouwer Lapeiretta war auch eine erfolgreiche Pianistin. Sie gründete verschiedene für die Entwicklung der Musikszenen in der Dominkanischen Republik wichtige Institutionen, darunter die Konzertgesellschaft Sociedad pro Arte. Aus ihrer eigenen Werkstatt gingen nicht viele, aber bedeutende Werke hervor: Die Suite arcaica für Streichquartett wurde 1944 auch von der BBC in London aufgeführt und auf Vinyl gepresst. Mit ihrer Suite de danzas gewann sie darüber hinaus 1963 den dominikanischen Concurso Nacional de Música. Als ihr noch lebender Fachkollege, der immer wieder mit seinen Grenzgängen zwischen Jazz und professioneller Klassik Schlagzeilen macht, sei der ehemalige dominikanische Konservatoriumsstudent Michel Camilo genannt. Er tourt als Pianist durch die ganze Welt und ist unter anderem in Bern beim Internationalen Jazz-Festival am 16. März 2015 zu erleben: http://www.jazzfestivalbern.ch/html/home_e.htm.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.