Musik der Karibik XIV

Wo Voodoo, Karneval und Chopin zusammentreffen

An einem Ort weit entfernt von den europäischen Zivilgesellschaften begegneten Kaufleute deutscher Herkunft einst einem Klavier und Klarinette spielenden Wunderkind: Der kleine, in Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis lebende Ludovic Lamothe (1882 – 1953) beherrschte nicht nur die schwierigen Techniken des Instrumentalspiels sondern zeigte ebenso ein ausgeprägtes Talent zu komponieren. Die natürliche Begabung hatte auch mit dem Hang seiner Familie zu den schönen Künsten zu tun: Seine Mutter war die Dichterin Virginie Sampeur, beide literarisch beschlagenen Eltern traten als Pianisten auf, ebenso einer seiner Großväter. Mit finanzieller Unterstützung der deutschen Händler konnte der Hochbegabte am Konservatorium in Paris bei Louis Diémer studieren, wo er insbesondere mit Chopins Erbe konfrontiert wurde.

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Zeugt von den besseren Zeiten Haitis – die auch der Komponist Ludovic Lamothe noch kannte – lange Zeit vor der Verarmung des Landes und dem verheerenden Beben: Eine Villa in Pacot, Port-au-Prince (Doron).

Das Werk des polnisch-französischen Meisterpianisten bildete schließlich das Zentrum von Lamothes späterer Virtuosentum, auch nachdem er längst wieder nach Haiti zurückgekehrt war. Seine Darbietungen, vor allem die Interpretation der As-Dur-Polonaise aus dem Jahr 1821 brachten ihm den Ruf eines „Black Chopin“ ein. Als Komponist trug Lamothe zur weitreichenden Popularität des haitianischen kreolischen Méringue bei, der auf der Vermischung eines karibischen Tanzes von Hispaniola mit Formen des europäischen contredanse beruhte.  Gleichzeitig lauschte er den einheimischen Voodoo-Riten und den Karnevalsfeiern Klänge ab, die er in seinen Werken verarbeitete. Seine Stellung kam in den Augen seiner Schüler der eines nationalromantischen Begründers des klassischen Musikrepertoires Haitis gleich, wobei er auf europäische Weise schrieb, aber die Inspiration von der Folklore und den religiösen Traditionen seiner Heimat bezog.

Am Klavier mit Chopin: der haitianische Komponist Ludovic Lamothe (http://www.lehman.cuny.edu/ile.en.ile/boutures/0103/graphic/p48ludovicLamothe.jpg, PD-old)

Am Klavier mit Chopin: der haitianische Komponist Ludovic Lamothe (http://www.lehman.cuny.edu/ ile.en.ile/boutures/0103/graphic/ p48ludovicLamothe.jpg, PD-old)

Lamothes carnival méringue, mit dem er einen Wettbewerb auf Haiti gewann, wurde unter dem Titel Nibo zur Hymne der Befreiung von der US-Herrschaft. Wegen der temperierten Eleganz seiner Komposition La Dangéreuse machte er sich auch bei der haitianischen Hocharistokratie seiner Zeit einen Namen. Sein vielseitiges Werk wurde kaum von internationalen Verlegern vertrieben, weshalb er, nachdem sein Haus in Port-au-Prince unbewohnbar geworden war, zu verarmen drohte. Anhänger seiner Musik sammelten aber für ihn und so konnte er 1944 ein neues Domizil beziehen. Er schuf Klavierwerke mit stimmungsvollen Titeln, so etwa Fleurs d’Haiti, Papillons noirs, Scherzo und Tango, für Orchester Stücke wie Retraite aux flambeaux oder Deux Valses de concert. Zu seinen Ehren nahm 2001 der latinokaribische Pianist Charles P. Phillips seine Danza La Habanera, Evocation und Danse espagnole No. 4 unter dem Gesamttitel A Vision of Ludovic Lamothe auf  (Baby.Com/Indys B00005Q6ZQ).

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.