Interview & Live-Review

Press Enter Shikari

Chris Batten verlässt vorübergehend die Bühne (Stephan Wolf)

Chris Batten verlässt vorübergehend die Bühne (Stephan Wolf)

Einschränkend muss jedoch ein Einwand erhoben werden: So herausfordernd die Kombinatorik des aktuellen Enter Shikari-Selbstverständnisses auch dünkt, die Einzelteile bleiben für sich allein genommen und vom Soundwall isoliert, denkbar konventionell bis abgedroschen. Im Ergebnis stünde dann ein Gemischtwarenladen der Beliebigkeit, prätentiös und substanzarm. Der aber absolut dazu taugt, Ekstasen und szeneübliche Ausraster auszulösen und selbst einer Trompete Raum zu gewähren (es sei denn, die Band tappt mit einer aufgesetzt abgeschmackten Coldplay-Ballade wie Dear Future Historians… völlig daneben).

Vielleicht tut man der Band auch unrecht, wollte man sie an einer Funktion scheitern lassen, die sie gar nicht erfüllen will. Im Gespräch gelingt es den tiefenentspannt wirkenden Akteuren jedenfalls im Handumdrehen, dessen Gegenstand auf die Freude am Feiern mit den Fans und der weiterhin gegebenen Relevanz der textlichen Aussagen zu lenken. „Wir möchten auf die Möglichkeit, mit unseren Songs auch politische oder gesellschaftlich relevante Themen zu transportieren, keineswegs verzichten“, stellt Roy Reynolds klar. „Und dies, bei aller Emphase des Abfeierns als befreiendes Element, mit der Betonung aufs Rationale. Hinter dem von uns beschriebenen Mindsweeper verbergen sich die Manipulationsmechanismen der Macht, die es vermögen, selbst unwiderlegbare wissenschaftliche Erkenntnisse entweder zu verschleiern oder im Sinne des Machterhalts zu manipulieren.“

Dabei verzichtet Enter Shikari auf das Hinzuziehen von allseits beliebten Feindbildern, sei es das der Religion oder das realpolitischer Strömungen, die das Ideologische über das wissenschaftlich Gesicherte stellen. Es ist halt doch nicht alles eine Glaubenssache – und wenn Enter Shikari doch konkrete Kritik üben, so richtet sie sich gegen das Systemische, so etwa gegen die profitorientierte Unterminierung des britischen Gesundheitssystems (Anaesthetist). Krankheit gilt es zu heilen, nicht zu bestrafen. Ein Gedanke, der sich bei der auffällig prominenten Metaphorik eingeschränkter Sehfähigkeit auf The Mindsweep fortsetzt. Von Kurzsichtigkeit (Myopia) ist dort die Rede, von einem „naked eye“, das „conspises with fear to form an idea“. „Wir sind keine Defätisten, wir glauben an die Machbarkeit von einem besseren Leben für alle Menschen, doch diese Machbarkeit setzt eine freie und nüchterne Sicht auf die Dinge voraus“, erinnert Rou Reynolds unausgesprochen an die Lehre des platonischen Höhlengleichnisses.

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