Interview mit Steven Wilson

„Ich habe früh erkannt, dass ich Musik nur in einem Vakuum erschaffen kann.“

Es wird in diesem Jahr wohl kaum ein zweites Album geben, dem eine derart flächendeckende Aufmerksamkeit zuteil werden wird wie Hand. Cannot. Erase. (Kscope/Edel) von Steven Wilson. Zahllose Vorberichterstattungen und Kritiken stimmen in den Kanon ein, dass es sich hierbei um ein unanfechtbares Meisterwerk handelt. Im Zuge dessen dürfte die dem Album konzeptionell zugrunde liegende Geschichte ebenso Eingang in die Allgemeinbildung genommen haben, wie die Art und Weise, mit der Steven Wilson seine Fiktion eines modernen Verschwindens zum Leben erweckt. Die Werbung zum Album kennt indes nur den Superlativ und ernennt den einst als scheu geltenden Briten kurzerhand zum „größten Musikgenie unserer Zeit“. Zeit nimmt er sich für ein Gespräch, das trotz der ubiquitären Begeisterung für Hand. Cannot. Erase. den allgemeinen Stand der musikalischen Entwicklung fokussiert.

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In praesentia: Steven Wilson (Stephan Wolf)

In praesentia: Steven Wilson (Stephan Wolf)

amusio: „Natürlich entzieht sich der Werbespruch Deiner direkten Einflussnahme. Dennoch sei er aufgegriffen: Wie fühlt man sich als das größte Musikgenie unserer Zeit?“

Steven Wilson: „Wow, dieser Werbespruch hat sich nicht nur meiner Einflussnahme, sondern bislang auch auch meiner Kenntnis entzogen. Ich glaube, meine Mutter wäre sehr stolz, wenn sie von dem Spruch wüsste. Zumal sie bis heute nicht weiß, dass sie ein musikalisches Genie zum Sohn hat (lacht). Mit 20 hätte mich so etwas sicher verwirrt, doch mit 47 denke ich, dass aus diesem äußerst schmeichelhaften Prädikat vor allem der Respekt gegenüber meiner Arbeit spricht. Genauer gesagt gegenüber meiner Art und Weise, mit der ich seit über 25 Jahren Musik mache. Ohne Zugeständnisse an den Mainstream und ohne das Verlangen danach, eine Prominenz zu erlangen, die über meine Person als Musiker hinausgeht. Es gab Zeiten, in denen ich kaum wahrgenommen wurde. Nun ist das offensichtlich anders. Darum glaube ich, dass die Leute insbesondere meine Hartnäckigkeit zu schätzen wissen.“

amusio: „Also stört es Dich nicht, derart beworben zu werden, mit Deinem Namen als Markenzeichen?“

Steven Wilson: „Im Musikbusiness bedeutet Marke alles. Wenn du Pink Floyd oder U2 heißt, kannst du veröffentlichen was du willst, du wirst immer wahrgenommen. Wenn du aber keinen Namen hast, also keine Marke bist, dann nützt dir selbst das weltbeste Album aller Zeiten nichts. Branding ist absolut essenziell. Und ich habe vor einigen Jahren die Entscheidung getroffen, meinen Namen zur Hauptmarke zu machen, wenn auch nahezu ausschließlich mit der Intention, mich zugunsten meiner Kreativität zu befreien. Ich will nun einmal nach Belieben und Bedarf meine Mitmusiker auswählen und nach Möglichkeit ohne Kompromisse auskommen. Tatsächlich hat die Betonung meines Namens zu einer Verschiebung in der Wahrnehmung meiner Person geführt. Aus einem Bandmitglied von Porcupine Tree wurde der, sagen wir mal, relevante, anerkannte und auch künstlerisch einflussreiche Steven Wilson.“

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