Interview mit Steven Wilson

„Ich habe früh erkannt, dass ich Musik nur in einem Vakuum erschaffen kann.“

Hands. Cannot. Erase: Steven Wilson (Stephan Wolf)

Hands. Cannot. Erase: Steven Wilson (Stephan Wolf)

amusio: „Steht zu erwarten, dass die von Dir bevorzugten Genres auch aufgrund Deiner doch rasant zunehmenden Akzeptanz und Popularität gleichsam – wieder – mehr Beachtung gewinnen?“

Steven Wilson: „Nun, konzeptionell veranlagte Rockmusik war Anfang der siebziger Jahre absolut dominant, auch in den Charts. Dann kam Punk, dann New Wave, dann Grunge. Wer sich da noch zum Konzeptrock bekannte, wurde sofort als Nerd identifiziert, für den sich vor allem die Musikpresse zu schämen pflegte. Wenn jetzt ein Umdenken stattfindet und die in Jahrzehnten genährten Vorbehalte der Erkenntnis weichen, dass es sich bei konzeptioneller Rockmusik vielfach um ein in höchstem Maße kreatives und innovatives Genre handelt, wäre es natürlich interessant mal zu schauen und zu dann zu erklären, woran das liegt. Als Musiker besitze ich hierzu vielleicht nicht genügend kritische Distanz.“

amusio: „Ein wichtiger Theoretiker des Popmusik hat vor kurzem, sinngemäß und stark vereinfacht, bemerkt, dass mittlerweile ausgerechnet jenen Genres am ehesten musikalische Innovationen zuzutrauen sind, die zuvor als, so wörtlich, Trottel-Musik gegolten haben: Prog, Metal sowie der weite Bereich der Dark Wave und Gothic-Music…“

Steven Wilson: „Dem stimme ich zu. Nicht zuletzt, weil die genannten Genres eins gemeinsam haben: Die Leute, die solche Musik spielen oder hören, gelten gemeinhin als Nerds, als vorgestrige Außenseiter. Als Trottel, die zudem noch von ihrer Musik absolut besessen sind. Und zugleich um kurzlebige Moden oder um eine gewisse Coolness einen Dreck geben. In gewisser Weise kann man auch den Jazz noch hinzunehmen, dort verhält es sich ähnlich. Die Hingabe ist auch dort immens hoch. Und da die Musikszene und speziell die ihr zugehörige Industrie zusehends in einen Aggregatzustand übergeht, in dem gewachsene Substanz mehr bedeutet, als immer schwieriger zu inszenierende und zu steuernde Hypes, wird sich die Leidenschaft gegenüber der Coolness möglicherweise durchsetzen.“

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