Außermusikalische Programme beschäftigten viele Komponisten, die der Musik eine gewisse Autonomie zuerkannten, durch die Jahrhunderte – gerade dort, wo beschreibende Sprache an ihre Grenzen stieß. Dies trifft speziell auf Naturphänomene zu, die nicht ausreichend erforscht waren und ebenso viel Furcht wie Faszination erregten. Neben hohen Bergen und tiefen Wäldern galt eine solche Empfindungsmischung aus Schauer und Ehrfurcht insbesondere dem Meer. Wegen seiner für die Seeleute mit Gefahr verbundenen Unergründlichkeit war es willkommener Anlass für künstlerische Reflexion. Der vom Wal verschlungene Jonas des Alten Testaments sowie die zahlreichen Erzählungen von Delphinen als Lebensrettern gehörten zu den positiven Aspekten, die man seit dem Altertum dem unwägbaren Element zuerkannte, der Badestrand kam erst im 19. Jahrhundert dazu …

So und bewegter lernte Felix Mendelssohn auf seiner europäischen Bildungsreise die Hebriden kennen und ließ sich inspirieren (2007, Olaf 1950).
So und bewegter lernte Felix Mendelssohn auf seiner europäischen Bildungsreise die Hebriden kennen und ließ sich inspirieren (2007, Olaf 1950).

In der barocken Emblematik tritt uns der Dualismus der Meeresinterpretation unter religiösen Vorzeichen entgegen; nicht umsonst wird in zahlreichen Kantatentexten das Leben als Schifffahrt über einem Meer der Gefährdungen gedeutet. Seine Wurzeln hatte das ambivalente Gesicht des bis an den Horizont reichenden Wassers im Mittelalter, das die „weite Öde“ der See dem Reich des Teufels zuordnete und sie entsprechend den Bildern von der Hölle als chaotischen Abgrund deutete und mit etlichen fabulösen – neben den tatsächlichen – Ungeheuern versah. Antike Ursprünge im Sinne der Mythen um den Schlund des Tartaros am (Meeres-)Rand der bekannten Welt liegen sicherlich außerdem zugrunde.

Umschlag der Erstausgabe von Claude Debussys sinfonischer Dichtung La mer bei der Édition Durand 2005 (Bibl. nationale de France, 2014)
Umschlag der Erstausgabe von Claude Debussys sinfonischer Dichtung La mer bei der Édition Durand 2005 (Bibl. nationale de France, 2014)

Auf einer Bildungsreise nach England und Schottland lernte der junge Felix Mendelssohn-Bartholdy bekanntlich die meerumtoste Küste kennen und bannte das Naturschauspiel sowohl in seine Ouvertüre Die Hebriden als auch in die als „Schottische“ bennante 3. Symphonie von 1829, die er 1842 in einer überarbeiteten Fassung herausgab. Nach einer bewegten Überfahrt in einem Boot warf der Komponist einen Blick in die legendäre Höhle der Wahrsagerin Fingal und zeigte sich fasziniert von ihren Pfeilern, die dem „Inneren einer ungeheuren Orgel“ ähnelten. Der junge Niels Wilhelm Gade widmete 1840 seine genialische Komposition Echoes of Ossian ebenfalls nach seinem Reiseerlebnis einem Aspekt der schottischen Überlieferung. Claude Debussy beendete seine symphonische Dichtung La mer 1905 in Eastbourne unter ähnlichen Eindrücken; allerdings fehlt die moralisierende christliche Intention hier vollständig. Ihn interessierte die Bewegtheit des Elements, die er mit Tonfarbenmitteln zu beschreiben wusste, ohne aber eine Reise über das Meer rein prozesshaft und unverbunden darstellen zu wollen, denn der klassische Satz und teils auch die Melodik bleibt bei allen harmonischen Freiheiten dieser Skizzen und mit ungewohnten Spieltechniken wie dem Glissando strukturell im Hintergrund präsent. Auf eine programmatische Ordnung deutet auch die dreisätzige Anlage, die an Bildlegenden erinnert: Morgengrauen bis Mittag auf dem MeerSpiel der WellenDialog zwischen Wind und Meer.

Skulptur des britischen Komponisten Ralph Vaughan Williams in Dorking (Leo Leibovici, 2010)
Skulptur des britischen Komponisten Ralph Vaughan Williams in Dorking (Leo Leibovici, 2010)

Ralph Vaughan Williams begann fast zeitgleich mit der Komposition einer Chorsinfonie, die er zunächst The Ocean betitelte, im Alter von 30 Jahren, als er deutlich unter dem Einfluss seines Lehrers Maurice Ravel stand. Den Titel A Sea Symphony erhielt sie erst mit ihrem Abschluss 1909. Der Text dazu stammte aus vier Beispielen von Lyrik Walt Whitmans. Über Debussys Programm geht Walton unter diesen Vorzeichen damit hinaus; der vierte Satz bezieht die Eroberer der Meere mit ein. Entsprechend ordnete er diesem Whitmans Gedicht Passage to India zu.  Der Einbeziehung von Poesie gemäß wird auch dem individuellen Gefühl angesichts des Meeres mehr Raum zugestanden: On the Beach at night, Alone für Bariton, Chor und Orchester orientiert sich ganz am Gedicht. Anders als bei Debussy geht bei Vaughan Williams der Satz von zwei vereinheitlichenden Motiven aus. Neben Harfe und Orgel bezieht die Orchesterinstrumentation auch mehr Schlagwerk ein: Pauke, kleine und große Trommel, Tamburin und Becken. Die große dynamische Spannweite nach oben markiert der verstärkende Einsatz von vier Waldhörnern, drei Trompeten und drei Posaunen.

 

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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