Die Kunst der Other Lives

Rituale: Sehnen, Streben, Sterben

Zwar erscheint dieses Album immer zur rechten Zeit, doch es ist gut zu wissen, dass es nun soweit ist: Rituals (Play It Agin Sam/Rough Trade), das Drittwerk der Post-Folk-Rock-Visionäre Other Lives aus Oklahoma, begrüßt den diesjährigen Tag der Arbeit. Wie passend! Denn die Wahrung der wie gottgegeben empfohlenen Balance aus geschäftiger Tätigkeit und anerkannter Quality Time zur erneuten Akkumulation der auf Erwerb ausgerichteten Kräfte, sie ist längst zu einer ritualisierten Kulturtechnik geronnen. Das haben Jesse Tabish, Josh Onstott und Jonathon Mooney klar erfasst und weisen mit symphonisch durchdachter Formgebung weit über das hinaus, womit Konsum und Kulturindustrie den Bedarf an innerem Ausgleich zu decken versprechen.

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Other Lives: "Rituals" (Play It Again Sam/Rough Trade)

Other Lives: „Rituals“ (Play It Again Sam/Rough Trade)

Erst das jenseits der Albummitte platzierte English Summer erinnert an die gewohnheitsgemäß leicht einnehmbaren Gemeinplätze des Abschweifens von der alltäglich allumfassenden Mühsal. Davor und danach lässt sich das Album auf keinerlei Eindeutigkeiten mehr ein.

Das Sentiment „Heimweh“ herbeizitierend, lassen Other Lives auch hier nur die Doppelbödigkeit zu: Selbst das Heimweh will erarbeitet werden. Das Pendant „Fernweh“ zu befrieden, drängt in den Bereich des Unbezahlbaren.

Und das macht den Unterschied zur tragikomischen Suche nach der Blauen Blume aus: Es ist ja alles irgendwo vorhanden (da medial vermittelt), nur das Streben verselbständigt sich – im Modus der Vergeblichkeit: Was wenigen die Jacht, ist einigen mehr ein Schlauchboot-Stehplatz: das Leben der Anderen auf dem mare nostrum.

Other Lives besinnen sich auf die Zweckmäßigkeit der Abstraktion. Seefahrt überlassen sie der Fischerei und dem Gütertransport. So ringen sie ihren Songkonstruktionen jene Phantasterei des Mehrwerts ab, die der Romantisierung von fernen Gefilden oder einem besseren Leben die Segel streicht.

It’s not Magic – könnte sich dieser kaum zu fassende, zum Song gewordene Ausbruch zirkulären Überschwangs brüsker des Verdachts entziehen wollen, seinen Ursprung genau an jenem angeblich übersinnlichen (und doch durchschaubaren) Ort zu haben, dessen Kenntnis die Band so vehement negiert? Es steht Aussage gegen Aussage. Doch das Album spricht nur für sich. Und zu allen, denen Musik mehr bedeutet als ein Mittel zum Zweck. Glück ist also doch käuflich. An die Arbeit!

Reconfiguration:
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