Michael Draw, Otto Dix (Stephan Wolf)
Michael Draw, Otto Dix (Stephan Wolf)

Dass damit auch ein Selbstreinigungsprozess einhergegangen ist, in dessen Folge singuläre Szene-Phänomene vom Gros der Veranstalter, Zeitschriften und Szeneangehörigen geächtet wurden, sollte im Umkehrschluss jedoch nicht als Eingeständnis von nach wie vor vorhandenen „rechten“ Tendenzen fehlinterpretiert werden. Schließlich lebt auch die Szenekunst von jener subtilen Kraft der Umdeutung, wie sie von der anerkannten Hochkunst absolut beansprucht wird – und werden muss!

Wer einen Blick auf das mittlerweile annähernd 140 Künstler umfassende Aufgebot des WGT 2015 wirft, muss schon sehr genau hinschauen, um den ein oder anderen Namen zu entdecken, von dem eine gewisse Konnotation ausgeht, die Wasser auf die Mühlen der politischen Korrektheit speien könnte (es sei denn, man hält Front 242 für bare Kriegsverherrlichung – oder Stoneman als geistige Ziehväter von „50 Shades of Grey“ ;-)).

Im Zeichen des akuten Konflikts in und um die Ukraine und einer in diesem Zusammenhang um sich greifende Russland-Phobie erscheint dagegen die Teilnahme von Otto Dix als semaphorisches Rot. Denn Michael Draw, androgyn anmutender Ausnahmesänger der Formation aus Chabarowsk, macht auf der Bühne keinen Hehl aus seinem nostalgisch verklärten Bedauern um den Verlust des (sowjet-) russischen Imperiums. Sein Schwingen der entsprechenden Fahne (ja, die mit Hammer und Sichel) entbehrt der parodistischen Verzerrung oder äußerlichen Distanzierung. Wenn er dabei vom Verlust von Jugend und Heimat spricht, mag das nicht von jedem Augenzeugen als Ausdruck eines rein persönlichen Empfindens verstanden werden.

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