Obwohl zunächst byzantinische und römische, dann slawische Einflüsse in der Kulturgeschichte Rumäniens eine große Rolle spielten, wird das osteuropäische Land in dieser Hinsicht mehr den Balkanländern zugerechnet. Gerade wenn man berücksichtigt, dass drei bedeutende in Rumänien geborene Komponisten des 20. Jahrhunderts international Schule machten – nämlich George Enescu, Györgyi Ligeti und Adriana Hölszky -, erscheint es aus heutiger Perspektive nahezu überflüssig, aus nationalromantischen Zeiten überkommene Muster einer kulturellen Autonomie der Länder weiterzupflegen. Übergreifende Phänomene gibt es ohnehin seit dem Mittelalter und nicht nur allseits bekannte wie die osteuropäische Besonderheit des „Frühlingsopfers“, wie es Igor Strawinsky mit seinem wohl bekanntesten Orchesterballett thematisiert.

Die rumänische Horn-Violine oder Trompeten-Violine ist ein folkloristisches Instrument, dessen Schwingungen direkt an das Grammophon übertragen wurden (Kreuger 2009).
Die rumänische Horn-Violine oder Trompeten-Violine ist ein folkloristisches Instrument, dessen Schwingungen direkt an das Grammophon übertragen wurden (Kreuger 2009).

Sowohl Rumänien als auch die zentralen Balkanländer bevorzugten anlässlich folkloristischer Ereignisse Zupfinstrumente wie das Hackbrett und diverse Schlaginstrumente, daneben vor dem Ersten Weltkrieg das Akkordeon oder Kuriosa wie die Horn-Violine; dem Ensemblespiel mit Oboe und Trommel gebührte über Jahrhunderte ein besonderer Vorzug. Blickt man auf die aktuelle „Szene“ akademisch-ernster Musik, fallen besonders drei Namen ins Gewicht: Irinel Anghel (* 1969), Dan Dediu (*1967) und Adrian Borza (*1967).

Die ehemalige Studentin der Musikuniversität Bukarest Irinel Anghel trat als Pianistin in Erscheinung und gründete das für Rumänien bedeutsame Ensemble Pro Contemporania. 2004 rief die Redakteurin der wichtigen Zeitschrift Muzica das Crossover-Festival MultiSonicFest ins Leben, das sie auch selbst leitet. Ihr eigenes Oeuvre lebt von ungewöhnlichen auf Akustik bezogenen Ideen, die zur Bildung teils neuer Formen führten: So schrieb sie neben vielem anderen 1997 Rezonante für Viola, Cello, Klavier und Schlagzeug, 1999 entstanden die Silhouettes fantomatiques für zwei Celli, Trompete und Schlagwerk und 2002 Fascination in der ungewöhnlichen Besetzung mit Gu Zheng, Khaen, Cello und Tonband.

Eine ähnliche Tendenz zur Bildung von durch akustische Themen inspirierten Formen zeigt das Werk Dan Dedius: 1998 erhielt er nicht nur eine Professur für Komposition in Bukarest, es kamen auch seine Chansons gothiques für Saxophon und Orchester heraus, 2000 erschienen die Orchesterkomposition Frenesia, 2003 Grana und Verva. Adrian Borza wurde bekannt für seine Entwicklung von Programmen für Computermusik und leitete ein eigenes Aufnahmestudio. 2006 entstand 80 after Max für MIDI-Keyboard und Computer, ein jahr später Increat II für Elektronik neben Werken, in denen Stimmen traditioneller Instrumente mit elektroakustischen Maschinen kombiniert werden. Die rumänische Avantgarde bewegt sich im Jahr 2015 auf Augenhöhe mit der (elektronischen) experimentellen Musik Frankreichs und anderer europäischer Länder.

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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