Der eher verborgene Stilwandel in der geistlichen Kunstmusik des 15. Jahrhunderts, war dennoch tiefgreifend, denn Musik wurde nunmehr in ihrer Klanglichkeit wahrgenommen. Dieser neue, von der Textdeklamation des Mittelalters distanzierte Stil erfuhr gleichzeitig eine markante räumliche und zeitliche Abgrenzung, wie die eingehenden Untersuchungen der Musikwissenschaftlerin Rebekka Sandmeier belegen. Die Motettenkomposition des Briten John Dunstaple (ca. 1393 – 1453) wirkt womöglich daher innovativer, dass er nicht gleichzeitig dem Klerus angehörte und humanistischen Ideen wenigstens zugewandt gewesen sein könnte. Die in den Kompositionen zu Marienfeiertagen angewandte isorhythmische Satzweise zeigt allerdings – wegen der Einbindung von Duetten – einen deutlichen Personalstil, der keinen Anstoß speziell durch den Humanismus erkennen lässt. Schließlich schufen auch Dunstaples Landsleute John Cooke und Thomas Damett Motetten dieses Typs. Eine stärkere Wegorientierung vom strengen englischen Diskantsatz hin zu kontinentalen Entwicklungen ist nach Sandmeiers Forschungsergebnissen feststellbar.

Beim Label Metronome (Vertrieb: Klassik Center Kassel) erschien 2011 diese Einspielung von Werken John Dunstaples mit dem Orlando Consort (B000024G55).
Beim Label Metronome (Vertrieb: Klassik Center Kassel) erschien 2011 diese Einspielung von Werken John Dunstaples mit dem Orlando Consort (B000024G55).

Zudem unterscheidet John Dunstaples Schreibweise von einheimischen Kollegen die größere Konsequenz – damit aber auch geringere Varianz. Die harmonische Spannweite der Motetten reicht in Frankreich zwar weiter als in England, es wird jedoch ebenso „auf der Insel“ in isorhythmischen Vertonungen auf politische Ereignisse verwiesen. Zeitgenossen und Erben der Musik des 15. Jahrhunderts lassen immer wieder Guillaume Dufay – und in seinem Gefolge Gilles Binchois – als eigentlichen Neuerer erscheinen, da er Stilmerkmale aus England übernahm. Auch setzt erst mit ihm auf dem Kontinent die Vertonung von Antiphonen mit einem einzigen Text ein. Wesentliche Stilmerkmale der innovativen contenance angloise sind tatsächlich auf individuelle englische Werke zurückzuführen. Deren spezifische Konzepte von emulatio, die das Überbieten des Vorbilds bezeichnet und imitatio erzeugen in Kombination mit Kanon- und Imitationstechniken bei gleichzeitiger Transparenz für den Zuhörer, der den gesungenen Text ja noch verstehen sollte, eine neue, vorausweisende Technik.

Die vom Verlag Vandenhoeck & Ruprecht 2012 herausgegebene Dissertation von Rebekka Sandmeier erhellt die Musikbeziehungen zwischen England und Frankreich im 15. Jahrhundert, einer Zeit des Aufbruchs (Abhandlungen zur Musikgeschichte 25, ISBN 978-3899719468).
Die vom Verlag Vandenhoeck & Ruprecht 2012 herausgegebene Dissertation von Rebekka Sandmeier erhellt die Musikbeziehungen besonders zwischen England und Frankreich im 15. Jahrhundert, einer Zeit des Aufbruchs (Abhandlungen zur Musikgeschichte 25, ISBN 978-3899719468).

Von entsprechender vorbildhafter Klarheit ist die Aufnahme (B000B6N67M, Naxos 2004) von Messen und Motetten durch das elfköpfige Ensemble Tonus Peregrinus unter Antony Pitts,  in der, wie von Dunstaple ja beabsichtigt, die Oberstimme des Chorals beim Durchhören erkennbar bleibt – genauso wie die außerordentliche vielfältige Harmonik, basierend in Durdreiklängen auf verschiedenen Stufen der Tonleiter. Der Kirchenraum der ausladenden Chancelade Abbey bot dabei gute Voraussetzungen, lediglich die Identifizierung des Texts ist wegen des starken Halls nicht immer gegeben. Doch das Wesentliche ist die (auch dramaturgisch sehr) gelungene Betonung auf der klanglichen Struktur, die – selbst unter den Vorzeichen des Hundertjährigen Kriegs – so nachhaltigen Einfluss auf die kommenden Komponistengenerationen in Frankreich und auf dem ganzen europäischen Kontinent ausübte.

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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