Zwar verfügt der südpazifische „Kontinent“ Neuseeland ohnehin schon über ein reiches Musikleben, wenn man nur an die „weiße“ Siedlertradition der Blechbläserbewegung denkt. Und bis heute existiert die lebendige Musik der ursprünglichen Bevölkerung, der Maori, in der ungewöhnliche Instrumente wie Hölzer unterschiedlicher Formen, Stein, Knochen und Meeresschnecken zum Einsatz kommen. Ihre im schnellen Sprechgesang vorgetragenen Lieder sind schon deshalb ungewöhnlich, weil sie melodisch über einen großen Ambitus verfügen und (für unsere Ohren) ohne erkennbares Metrum auskommen. Außer einigen markanten Orchesterwerken wie Aotearoa, A Song of Islands und der Festival Overture ist aber bis heute von Neuseelands renommiertestem Komponisten Douglas Lilburn, der 1915 in Wanganui geboren wurde und bis über die Schwelle des 21. Jahrhunderts lebte, über den halben Globus noch nicht so viel nach Europa durchgedrungen, dass man von einem etabliertem Repertoire sprechen könnte.

Ausblick vom Mount Victoria auf die neuseeländische Kapitale Wellington, an deren Universität Douglas Lilburn lehrte (Mandy Simpson, 2003)
Ausblick vom Mount Victoria auf die neuseeländische Kapitale Wellington, an deren Universität Douglas Lilburn lehrte (Mandy Simpson, 2003)

Die Kantate Prodigal Country entstand 1939 und fiel damit in eine sehr produktive Periode, die auch die symphonische Reminiszenz Drysdale Overture (1937) hervorbrachte. Ansonsten fällt aber die Zahl der heute bekannten Vokalwerke vergleichsweise klein aus: Landfall in Unknown Seas, das zur Reihe der drei frühen „vaterländischen“ Beiträge gehört, wurde 1944 für Sprechstimme und Orchester komponiert. Es basiert auf einem Gedicht von Lilburns vier Jahre älterem Landsmann Allen Curnow und beschreibt die Entdeckung der Inselgruppe durch den holländischen Seefahrer Abel Tasman. Dieser erreichte im Auftrag der Niederländischen Ostindischen Handelsgesellschaft bekanntlich zwischen 1642 und 1644 zuerst das von ihm zunächst so benannte Van Diemen’s Land, dann Neuseeland selbst und sah die Fidji-Inseln von weitem. Dem häufig satirisch und ebenso aus der Kindheitserinnerung heraus schreibenden Journalisten Allen Curnow gelangen neben dem Discovery Poem zahlreiche lyrische Würfe, die teils auch prophetische Qualität haben und vielleicht auch die reflektierte Distanz eines Autors aufweisen, für den das Verfassen von Gedichten nicht essentiell war.

Eine der raren Aufnahmen mit einem "Vokalwerk" Douglas Lilburns, Landfalls of Unknown Seas (B000006KIS , Koch Universal Music 1995)
Eine der raren Aufnahmen mit einem „Vokalwerk“ Douglas Lilburns, Landfall in Unknown Seas (B000006KIS , Koch International Classics 1995)

Gleichsam vokale Eigenschaften trägt schon im Titel Lilburns Canzonetta für Violine und Bratsche (1942), was auf seine gefühlsmäßige Nähe zum Liedhaften hindeutet – ebenso wie die Bezeichnung für das vier Jahre später veröffentlichte Orchesterwerk A Song of Islands. 1949 nahm Lilburn eine Stelle als Musikprofessor am Victoria University College in Wellington an, nachdem er eine Zeitlang zwischen seinem damaligen Wohnort Christchurch und der Hauptstadt hin- und hergependelt war. Jahre später, nämlich 1954, erschien Sings Harry, ein Liedzyklus für Baritonstimme – nach Gedichten des mit Lilburn fast gleichaltrigen neuseeländischen Autors und klassischen Philologen Denis Glover. Auf Tonträgern liegen bislang kaum Aufnahmen von seinen Vokalwerken vor. Die Kompilation Elegy (31ZMZKNNX1L) bietet einige der Lieder und von einer CD, die auch das Allegro for Strings und Diversions for String Orchestra enthält, ist Landfall in Unknown Seas zu hören. Als Sprecher tritt hier Sir Edmund Hillary auf, es spielt das New Zealand Chamber Orchestra.

 

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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