Zur Sinnfrage der Hermeneutik

Ist Musik erklärungsbedürftig?

Dass erwünschte Musik meist positive Gefühle erzeugt – jedenfalls, wenn sie einen geringstmöglichen Fremdnutzen aufweist und nicht im Sinne irgendeiner (ideologischen) Propaganda ausgerichtet wird – wird kaum jemand bestreiten wollen. Dennoch ist es natürlich denkbar, dass es Menschen gibt, die sich davon kaum angesprochen fühlen oder denen Kunstklänge überhaupt eher gleichgültig sind. Der grundsätzliche sensualistische Einfluss von Musik ist unbestritten, wenn sie sogar bei Tieren Wirkung entfalten kann. Bei Pflanzen ist hingegen weniger sicher, ob Mythosaussagen wie: „Orpheus bewegte mit seinem Gesang Steine und Bäume“ auf einer wirklichen Beobachtung basieren …

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Die 2005 erschienene mehrere hundert Seiten starke Einführung "Musik und Verstehen" von Christoph von Blumröder und Wolfram Steinbeck (Hg.)  gibt erste Argumente an die Hand, wann und in welcher Form Deutungen von Musik Sinn machen (978-3890074931).

Die 2005 erschienene mehrere hundert Seiten starke Einführung „Musik und Verstehen“ von Christoph von Blumröder und Wolfram Steinbeck (Hg.) gibt erste Argumente an die Hand, wann und in welcher Form Deutungen von Musik Sinn machen (978-3890074931).

Wie auch immer: Da wir uns durch Musik beschwingt fühlen können und sie vielleicht sogar Energie verleiht, müssten wir uns über die Ausdrucksweise dieser hochabstrakten Kunst (überwiegend dann, wenn sie rein instrumental ist) auch kaum mehr Gedanken machen. Da aber auch Missbrauch möglich und zum Beispiel an Aufmarschgetrommel leicht nachweisbar ist, bedarf sie bis zu einem gewissen Grad der Erklärung. Was aber ist überhaupt erklärbar? Eine reine melodische, harmonische und instrumentaltechnische Entschlüsselung besagt im Falle einer Mahler-Symphonie etwa noch gar nichts über ihre konkrete Bedeutung und es bringt auch nicht viel, an konkreten Stellen etwas genaues – Außermusikalisches – in sie hineinzudeuten. Zumal sich Musik der exakten Deutung häufig bewusst entziehen und unbestimmt bleiben bzw. rein emotional aufgenommen werden will.

Eine solche Einsicht sollte natürlich nicht dazu führen, dass Erklärungen zur reinen Erbsenzählerei und Katalogisierung ausarten: „Der Komponist xyz wurde am 29.2.1898 geboren und studierte in … bei …; er schrieb … Sinfonien und … Opern.“ Ebenso wenig genügt es, fernöstliche religiöse Musik einem nicht bewanderten mitteleuropäischen Publikum einfach nur vorzuspielen, was natürlich ebenso für Streichquartette von Brian Ferneyhough gilt. Avantgardistische Musik und traditionelle Musik aus Ländern, die über viele Jahrhunderte mit Europa nicht in Kontakt standen, erklärt sich nicht von selbst.

Happy Saint Patrick's Day mit Akkordeon und Violine in Dublin (uggboy 2010)

Happy Saint Patrick’s Day mit Akkordeon und Violine in Dublin (uggboy 2010)

Dasselbe gilt aber auch für mathematische Spielereien in Kompositionen, die vor allem das sein wollen: Gerade hier würde es natürlich keinen Sinn machen, ihren geistigen Gehalt deuten zu wollen – außer, es verbürgen sich musikalische Anagramme oder andere zahlensymbolische Hinweise dahinter. Dem aus Genussgründen zuhörenden Publikum ist aber auch die Berechtigung eigener Deutung nicht abzusprechen: Zum Beispiel könnte durchaus eine unbefangene Interpretation von Gades Novelletter für Orchester im Hinblick auf das erdachte Programm dahinter ja genau ins Schwarze treffen. Oder auch die Bemerkung eines Sitznachbarn, dass ein bestimmtes Klavierkonzert von Mozart ihn mit Glücksgefühlen in den Abend entließ, ist nicht trivial – sondern volle (und nicht etwa intellektfreie) Absicht ;-)

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.