(K)ein Ranking außermusikalischer Motive und Themen

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Die Geschichte der Kompositionen mit einem Programm außerhalb der „reinen“ instrumentalen Kunstmusik reicht weiter zurück als es vielleicht manchmal die Wissenschaft wahrhaben will. Im Grunde beginnt sie dort, wo Texte vokaler Kirchenmusik durch ihre Bildlichkeit, Symbolhaftigkeit und ihren Erzählcharakter von den begleitenden oder präludierenden Instrumenten gespiegelt und illustriert wurden. Spätestens mit der Ouvertüre zum Singspiel und der Oper am Anfang des 17. Jahrhunderts sowie mit dem Aufkommen der sonata da camera verselbstständigte sich programmatische Musik auf Instrumenten gänzlich.

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In seinem gleichbenannten Symphoniesatz über die legendäre Lokomotive Pacific 231 stellte der Schweizer Komponist Arthur Honegger ein technisches Sujet musikalisch "vor Ohren" (Crochet.david, Juni 2009).

In seinem gleichbenannten Symphoniesatz über die legendäre Lokomotive Pacific 231 stellte der Schweizer Komponist Arthur Honegger ein technisches Sujet musikalisch „vor Ohren“ (Crochet.david, Juni 2009).

Den frühen weltlichen Themen gemäß spielte die Darstellung des idealisiert vorgestellten Schäferdaseins seit der frühen Barockzeit eine größere Rolle, Landschaftsporträts in Tönen schlossen sich an (wie sie nicht nur Vivaldis Quattro stagioni demonstrieren). In der Epoche der französischen Hofkultur und Moralistik nutzten die Clavecinisten gerne fein ziselierte Porträts oder Charakterstudien in galanten Cembalostücken, die häufig Spitznamen von nicht direkt benannten Personen aufgreifen und nur scheinbar bloß die Gangart des jeweiligen Stücks meinen: Hierunter zählen Francois Couperins Suitensätze mit sprechenden Überschriften wie La diligante, La flateuse oder La ténébreuse, bisweilen auch abstraktere wie Les sentimensLes idées heureuses oder Tierdarstellungen wie Les abeilles, die in späteren Jahrhunderten – man denke nur an Rimsky-Korsakovs Hummelflug und Fini Henriques‘ Mückentanz – noch größere Karrieren machen sollten. Zu nennen wären im Falle Couperins auch epitaphartige Widmungen in Kammermusikwerken, nämlich die Zyklen Apothéose de Corelli und Apothéose de Lully.

Die Bildersprache in Joseph Haydns Die letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze hat selbstverständlich ihren Ursprung auch im (versteckten) musikalischen Symbolrepertoire der barocken geistlichen Kantate. In einer Gruppe darstellbare Phänomene wie die vier Jahreszeiten, die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft (durch Jean-Féry Rebel) und aneinandergereihte Erzählungen wie Ovids Metamorphosen – etwa in Dittersdorfs 12 Sinfonien dazu – wurden mit Vorliebe von Komponisten des 18. Jahrhunderts aufgegriffen; hierin ist die Musik mit den Bilderzyklen und Triptycha der Malerei zu vergleichen. Vorbereitet durch Glucks Ausdrucksarien entwickelte Hector Berlioz in der Geschichte der Programmsymphonie eine besondere Form der Instrumentation, worauf die Verwendung des Leitmotivs in der so genannten Neudeutschen Schule beruht. Abgesehen hiervon ging es gerade im 19. Jahrhundert auch darum, eingeschriebene bildhafte Motive oder Handlungsspiegelungen nicht offen hörbar werden zu lassen, sondern auch kryptisch einzuschreiben: Selbst in Liszts Orchester- und Klavierwerken bedurfte und bedarf es genauer Analyse, um außermusikalische Motive genau zu identifizieren, jedenfalls dort, wo er nicht selbst Hinweise beifügte.

Nicht nur Jean-Féry Rebel, auch sein Zeitgenosse André Cardinal Destouches und Michel Richard de Lalande komponierten zu den vier Elementen (der Antike) , in diesem Fall, weil sich so Ludwig XIV. (als Tänzer) in deren Universum als Sonnenmittelpunkt spiegeln konnte (Lionel Sawkins: Les élemens 2011. S.153, p.d.).

Nicht nur Jean-Féry Rebel, auch sein Zeitgenosse André Cardinal Destouches und Michel Richard de Lalande komponierten zu den vier Elementen (der Antike), in diesem Fall, weil sich so Ludwig XIV. (als Tänzer) in deren Universum als Mittelpunkt und Stellvertreter für die Sonne spiegeln konnte (Lionel Sawkins: Les élemens 2011. S.153, p.d.).

Das nachträgliche Aufsetzen eines durch Überschrift genauer bestimmten Programms zeichnet zum Beispiel Richard Strauss‘ symphonische Dichtung Tod und Verklärung aus; eine solche Praxis der Nachbenennung pflegte vor ihm allerdings schon Debussy. In der Romantik war nicht zuletzt das Programm der eigenen Biographie populär, so in Smetanas Streichquartett e-Moll Aus meinem Leben. Eher eine Ausnahme in der Sujetverwendung findet sich in Artur Honeggers Symphoniesatz Pacific 231 von 1923, der die Technik als solche – in diesem Fall durch die Fahrt einer Eisenbahnlokomotive – musikalisch „verherrlicht“.

Da häufig Opern- und Dramenstoffe den Anlass zu Instrumentalkompositionen gaben, lässt sich eine bestimmte Präferenz gar nicht mehr feststellen. Jeanne d’Arc, Eulenspiegel, Don Quixote und Billy the Kid gehörten selbstverständlich zu häufig aufgegriffenen historischen Figuren der Weltliteratur und des Librettos. Im späteren 20. Jahrhundert waren es dem ästhetischen Wandel gemäß häufig gerne drastische, politisch provokante, absurd scheinende oder skurrile Themen und Motive als Anlässe. Hierzu wird man auch Philipp Glass‘ populäre minimalistische „Oper“ Einstein on the Beach zählen dürfen …

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.