Vielschichtiges Werk auf dodekaphoner Basis

Portrait eines Ungewöhnlichen

Während die deutsche Wehrmacht auch Griechenland zu bedrohen begann, erprobte der 1904 in Chalkis geborene Schönberg-Schüler Nikos Skalkottas in Athen komplexe und vielschichtige Kompositionstechniken, die 1941 in die Orchesterouvertüre E epistrophe tou Odyssea – „Die Rückkehr des Odysseus“ – mündeten. Als Preis für seine damals ultramodernen Ansätze lebte er in den 1930er Jahren innerhalb des griechischen Konzertbetriebs isoliert und galt vielen in kompositorischer Hinsicht als Exzentriker. Dennoch war er auf dem Feld der Neuen Musik in Griechenland nicht alleine: Dieser Schule ist auch der Dirigent und Pianist Dimitri Mitropoulos zuzurechnen. Auf der anderen Seite arbeitete Skalkottas wie viele Musikerkollegen ganz pragmatisch als Violinist und transkribierte Volkslieder. Was er vor seiner Abreise aus Berlin 1933 dort geschrieben hatte, ist kaum bekannt geworden und ist – möglicherweise bedingt durch den Zweiten Weltkrieg – heute verschollen.

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Das BBC Symphony Orchestra unter Nikos Christodoulou (hier vor der Night of the Proms am 8. September 2011) spielte 2004 das 2. Klavierkonzert von Nikos Skalkottas nebst Tema con variazioni, der Kleinen Suite für Streicher und der Vier Bilder ein (Steve Bowbrick, Flickr).

Das BBC Symphony Orchestra unter Nikos Christodoulou (hier vor der Night of the Proms am 8. September 2011) spielte 2004 das 2. Klavierkonzert von Nikos Skalkottas nebst Tema con variazioni, der Kleinen Suite für Streicher und der Vier Bilder ein (Steve Bowbrick, Flickr).

Die Beschäftigung mit dem Liedgut seiner Heimat führte ihn von seinen atonalen Anfängen hin zu einem Komponieren in erweiterter Tonalität, jedoch unter Einbeziehung von modalen Strukturen aus der griechischen Volksmusik. In einer Zeitspanne von 18 Jahren schrieb er – bis zu seinem Todesjahr 1949 – vier Klavierkonzerte, von denen das früheste aus dem Jahr 1931 gleichzeitig als erstes dodekaphones Klavierkonzert der Musikgeschichte gelten kann. Auch das zweite Konzert von 1938 folgt formalen Kriterien der Zwölftonschule mit einem wesentlichen Unterschied: Anders als Schönberg selbst verwendet Skalkottas mehrere Reihen, die ihrem Charakter nach als „Themen“ fungieren. Einzelne Teile der Reihe bilden vertikal betrachtet harmonische Zellen.

Einer der beiden prominenten Vertreter der griechischen Neuen Musik, Nikos Skalkottas, wurde nur 45 Jahre alt (Véronique Fournier-Pouyet, 20.11.2014).

Einer der beiden prominenten Vertreter der griechischen Neuen Musik, Nikos Skalkottas, wurde nur 45 Jahre alt (Véronique Fournier-Pouyet, 20.11.2014).

Doch welchen Eindruck hat der Hörer von der Anwendung einer solchen Technik? Ein gewisser Zusammenhalt der drei Sätze ist durch die Wiederkehr bestimmter harmonischer Idiome jedenfalls gesichert; ansonsten ist in der Führung des Klavierparts auch eine gewisse Virtuosität in der Tradition des romantischen Klavierkonzerts zu bemerken. Dadurch, dass eine motivische Entwicklung stattfindet, ergibt sich beim Anhören ein schlüssiger Gesamteindruck. Auch die Kadenzen im Klavier selbst partizipieren, auch wenn sie improvisiert erscheinen, an der formalen Durchführung. Dabei überraschen die einzelnen Sätze mit immer neuen Wendungen und Einfällen. Erst im vierten Klavierkonzert verabschiedete sich der Komponist von der Zwölftontechnik. In einer sehr klaren und auch hinsichtlich der Virtuosität des Solisten überzeugenden Aufnahme von 2004 ist Geoffrey Douglas Madge mit dem BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Nikos Christodoulou zu hören.

Überzeugende Aufnahme mit dem Pianisten Geoffrey Douglas Madge und dem BBC Symphony Orchestra (B0007XTMKO, BIS Records AB 2005)

Überzeugende Aufnahme mit dem Pianisten Geoffrey Douglas Madge und dem BBC Symphony Orchestra (B0007XTMKO, BIS Records AB 2005)

Auf der Basis eines sehr bewussten, vielschichtigen und von Erfindergeist geprägten Denkens entstanden vor allem Kammermusikstücke, die – ähnlich dem 2. Klavierkonzert – höchste Anforderungen an die Spielfertigkeit der Instrumentalisten stellen, sei es das Berliner Oktett für Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Streichquartett von 1931, die neun über neun Jahre hinweg entstandenen Griechischen Tänze für Streichquartett, die zahlreichen Werke für Violine und Klavier oder die beiden Quartette für Klavier, Oboe, Fagott und Trompete. Ein kleines verspieltes Preziosum, in dem auf die Nymphe Echo angespielt wird, stellt sein kleines Tanzstück für Harfe solo dar. Daneben schrieb Skalkottas in einem Zeitraum von fünf Jahren an seiner Maienzauber-Suite, die Ballettmusik E thalassa („Das Meer“) wurde erst 1949 beendet, ebenso sein Tema con variazioni. In der Reihe der Orchesterwerke ragen außerdem das Largo sinfonico von 1944, die Griechischen Tänze für Streicher und die Ouverture concertante heraus. Großenteils harmonisch traditionell sind die launigen und „schmissigen“ Sätze Der Herbst, Die Aussaat, Der Weinberg und Die Weinkelter, zusammengefasst in den Vier Bildern aus dem Jahr 1948 gehalten.

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.