Obwohl Gioacchino Rossini – übrigens unter Skrupeln – 1816 (letztlich ungleich erfolgreicher) dem gefeierten Neapolitaner Giovanni Paisiello mit seiner Version des Barbiers von Sevilla die Butter vom Brot zu nehmen trachtete, konnte er es zunächst nicht schaffen, den bereits populären Vorgänger von 1782 zu übertrumpfen. Ebendas hätte ihm in Rom, einer Hochburg gerade dieser Oper, auch niemand verziehen. Rossini respektierte zunächst den nicht einmal gesetzlich verordneten „Urheberschutz“ und nannte das Werk daher vorerst Almaviva ossia L’inutile precauzione, „Almaviva oder Die nutzlose Vorsicht“. Die Vorlage von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais war im Falle Paisiellos von einem anderen Librettisten, nämlich von Giuseppe Petrosellini für das Musiktheater bearbeitet worden. Zumal die differenzierte Darstellung der Stimmcharaktere überzeugt gegenüber Rossinis mehr von Virtuosität und einer konfuseren Handlung geprägter Umsetzung.

Das ehemalige Rittergut Britz - hier dargestellt in der Zeit zwischen 1857 und 1883 mit einem rauchenden Schlot an der Seite - wurde auch von Alexander Duncker (1813 - 1897) geschätzt und porträtiert (Theodor Albert, p.d.).
Das ehemalige Rittergut Britz – hier dargestellt in der Zeit zwischen 1857 und 1883 – mit einem rauchenden Schlot aus der Zeit der frühen Industrialisierung an der Seite – wurde auch von Alexander Duncker (1813 – 1897) geschätzt und porträtiert (Theodor Albert, p.d.).

Unter der Leitung von Stefan Roberto Kelber gebührt in Schloss Britz im Berliner Stadtteil Neukölln nicht nur wegen seiner ursprünglicheren Vertonung Paisiellos Oper der Vorrang. Da sie ohnehin heute viel seltener zu sehen und zu hören ist, handelt es sich bei der diesjährigen Sommer-Oper im Rahmen des Festivals Schloss Britz 2015 also um ein besonderes Event. Wer morgen, am Freitag, den 21. August, zur Premiere keine Karte mehr ergattert, hat auch noch am gesamten Wochenende Gelegenheit und am darauffolgenden einschließlich Freitag, den 28. August. Die Sonntagsvorstellungen beginnen bereits um 16 Uhr, alle übrigen um 19.30 Uhr, wobei die Besucher auch auf die feierliche Beleuchtung in einer kulturhistorisch bedeutsamen Umgebung gespannt sein dürfen.

Der seinerzeit berühmte Urheber des "1. Barbiers", Giovanni Paisiello (1740 - 1816), wurde von der Malerin Louise Éisabeth Vigée Le Brun (1755 - 1842) im Jahr 1791 auf die Leinwand gebannt ().
Der seinerzeit berühmte Urheber des „1. Barbiers“, Giovanni Paisiello (1740 – 1816), wurde von der Malerin Louise Éisabeth Vigée Le Brun (1755 – 1842) in Neapel 1791 auf die Leinwand gebannt (Photograph of Original Painting, p.d.).

Besonders können sich die Zuhörer auf Bartolos urkomisches Terzett mit niesenden und gähnenden Lakaien freuen, außerdem auf Rosinas beliebte Arie im dritten Akt, die ganz im Stil der opera seria gehalten ist und von Fagott und Klarinette als Soloinstrumenten in betörendem musikalischem Duktus begleitet wird. Figaros Stimmpart übernimmt Matthias Jahrmärker, Andrea Chudak ist in Rosinas Rolle zu hören, Graf Almaviva wird von Julian Rohde gesungen. Es spielt das „hauseigene“ Kammerorchester des Festivals Schloss Britz.

Gästen, die von Ferne anreisen, ist auch das dazu gehörende Hotel mit Einzelzimmern und Appartements zu empfehlen, ebenso gehören zum Gelände außer dem Kulturstall ein adretter Park und ein Restaurant, in dem sich vor der abendlichen oder nachmittäglichen Aufführung gut speisen lässt.

Heutige Hinteransicht des Schlosses Britz mit einem Teil des Parks (Frank Schubert, 12.4.2007)
Heutige Hinteransicht des Schlosses Britz mit einem Teil des Parks (Frank Schubert, 12.4.2007)

Die Vielfalt des kommenden Konzertprogramms gibt zum Staunen Anlass, denn eigentlich sollte man in einem Gut mit Schloss aus dem frühen 18. Jahrhundert überwiegend Barockes und Rokokohaftes erwarten: Am 5. September Punkt 19 Uhr stellt sich hier die Bigband Kameleon unter Leitung von Matthias Harig ein, um auf der Freilichtbühne Jazzklassiker von Ella Fitzgerald, Gordon Goodwin und anderen zu zelebrieren. Am 19. September findet auf dem Hof das Neuköllner Folk & Country Festival statt, während nach dem Motto BeVoice – Binär am 25. und 26. September eine Musiktheater-Performance mit weitreichender Ausstrahlung unter der künstlerischen Leitung von René M. Broeders Interesse in und außerhalb Berlins wecken dürfte. Felix Reuters Konzert Die verflixte Klassik am 3. Oktober könnte so gerade als Einladung an alle gelten, die sonst der E-Musik gar nicht zugeneigt sind – und sie mit Klavierstücken am Flügel von Bach bis Gershwin dank witziger und unterhaltsamer Moderation doch noch dafür gewinnen …

 

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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