Pfade durch die Musiklandschaft Australien XIX

Physikalisch und javanisch inspiriert

Phlogistón bedeutet „das Verbrannte“ und meint im 17. Jahrhundert eine Materie, die bei Erwärmung einem Objekt entweicht und bei Erwärmung in sie eindringt. Obwohl eine solche Substanz nicht existiert, ließen sich mit ihr doch die Eigenschaften von Gasen besser verstehen und der Oxidationsvorgang erklären; zudem führte sie zu einer Systematisierung der Stoffgruppen, die Basen und Säuren bilden. An dieser frühneuzeitlichen Theorie faszinierte Peggy Polias der Aspekt der Verdichtung, des Entweichens und der Diffusion, noch mehr aber die Assoziation des antiken Äthers. Denn im gleichnamigen Sextett der 1981 geborenen Komponistin aus Sydney, die von der Musik- und Videoproduktionsfirma Kammerklang anlässlich ihres fünfjährigen Bestehens uraufgeführt wurde, „verdichten“ sich melodische Minimalstrukturen – zunächst im Staccato hämmernd – im Ensemble wie ein Knäuel zu polyphonen Konsonanzen und entzerren sich wieder.

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Die Gamelan-Technik kotekan-telu mit ihrem typischen binären Rhythmus beeinflusste Peggy Polias bei ihrer Komposition Electro fractal gamelan (2011) deutlich  (Keenan Pepper, GNU Lilypond).

Die balinesische Gamelan-Technik kotekan-telu mit ihrem typischen binären Rhythmus beeinflusste Peggy Polias bei ihrer Komposition Electro fractal gamelan (2011) deutlich (Keenan Pepper, GNU Lilypond).

Das im wahrsten Sinne des Wortes zündende Moment für Polias‘ Konzeption von Phlogistón war aber ein Video des Künstlers Keith Chidzey, das zeigt, wie ein Rubenssches Flammenrohr (das normalerweise im Physikunterricht demonstriert wird) durch den Druck von sichtbar gemachten Gasflämmchen an einer Membran Schallwellen erzeugt. Die Wahl der sechs Instrumente, nämlich Flöte, B-Klarinette, zwei Violinen, Viola und Violoncello, hängt wohl eng mit der Imagination eines langsam angebahnten Konsonierens zusammen, ist aber möglicherweise auch der Bekanntschaft mit bestimmten Interpreten und ihrer Inspiration zu verdanken. Die Aufführung fand erst zehn Jahre nach Polias‘ Niederschrift der Komposition am 6. Juni 2014 im Konservatorium zu Sydney mit der Geigerin Victoria Jacono, der Flötistin Jane Duncan und dem Klarinettisten Peter Smith statt.

Die neuseeländische Ruben's Tube inspirierte Polias zu ihrer Komposition Phlogistón (New Zealand Physics Teachers' Resource Bank 10.11.2006).

Das Rubenssche Flammenrohr inspirierte Polias zu ihrer Komposition Phlogistón (New Zealand Physics Teachers‘ Resource Bank 10.11.2006).

Zuiefst beeindruckt war Peggy Polias allerdings schon seit längerem von der javanischen Gamelanmusik und ihrer Verwendung kurzer schnell sich wiederholender Melodiebruchstücke, die von wenigstens zwei Instrumenten gleichzeitig ausgeführt werden. Darauf basiert auch ihre Komposition Electro fractal gamelan (2011), die für das Kammerklang-Projekt Worship the Machine, in der Trapezakrobatik mit Musik verknüpft erscheint. Das Stück ist geprägt durch acht zyklisch gekoppelte Stimmenlinien, die in zwei unterschiedlichen Rhythmen ablaufen und so den Effekt des kotekan im balinesischen Gamelan imitieren. Über der elektronischen Komposition „improvisiert“ ein Vibraphon, das die rhythmischen „Zellen“ der darunterliegenden Stimmen gewissermaßen erkundet und sowohl Tremoli als auch Hall- und Übersteuerungseffekte nutzt.

"The Moon" für Kammerorchester ist auf der Kammerklang-CD Alpha mitzuerleben (B00B7UXM2A, 2013).

„The Moon“ für Kammerorchester ist auf der Kammerklang-CD Alpha mitzuerleben (B00B7UXM2A, 2013).

Peggy Polias hatte das javanische Gamelan bereits während ihrer Studienjahre kennen gelernt und selbst in einem solchen in Australien beheimateten Ensemble, der Langen Suka Sydney Gamelan Association mitgespielt. Nicht nur diese der westlichen Welt weitgehend fremde Musik, auch Themen wie Fraktale und Kunsthandwerk, feministische Ansätze, griechische Rebetika, sich wiederholende Muster und der Minimalismus (ein weiterer Beleg hierfür ist das Klavierstück T aus dem Jahr 2003) beeinflussen diese ungewöhnliche Komponistin nachhaltig. Ein in den tiefen Holzbläsern prägnant intoniertes Stück für Kammerorchester, The Moon (2007), wurde gleichfalls in Zusammenarbeit mit Kammerklang aufgenommen und liegt auf einer CD sowie als einzelner MP3-Track vor.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.