Die Fanfare als Muster

Markante Anfänge

Geht man von den Signalwirkungen der skandinavischen Luren oder der Hörner, die zur Jagd blasen, aus, so liegt es nahe, dass sie als Muster für Satzeinleitungen in der Kunstmusik gedient haben könnten. Vollends bestätigt sich dieser Eindruck des Fanfarenmotivs am Anfang gerade eines größeren Werks, wenn wir an den Beginn von populären „Dauerbrennern“ wie Monteverdis L’Orfeo, Janáčeks Sinfonietta oder Richard Strauss‘ Tondichtung Also sprach Zarathustra denken. Eine gewichtige Rolle spielte die Introduktion vor allem beim Dreigestirn der Wiener Klassik; Beethoven gebraucht die Bezeichnung bei seiner Klaviersonate op. 53, bei Variationenwerken und in einer Erwähnung über die Ouvertüre zu den Ruinen von Athen. In der Oper wurde dieser Terminus allerdings auch zur Bezeichnung der Instrumentaleinleitung der ersten Gesangsszene nach der Ouvertüre verwendet, so zum Beispiel in Mozarts Zauberflöte.

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Ein in der Öffentlichkeit heute eher übermäßig oft zu hörendes beschwörendes Fanfarensignal leitet Strauss‘ symphonische Dichtung „Also sprach Zarathustra“ ein (9.11.2009 domaine publique).

Es scheint so fast eine Banalität, in der Eröffnung eines Singspiels und  in der „Ouvertüre“ einer Oper sozusagen den Auftakt zum Werk selbst zu sehen. Die Einleitung kann aber wie sich zeigt, verschiedene Aufgaben erfüllen. Bei Monteverdi trägt sie noch ganz den Charakter der Ankündigung in Form der Fanfare. So macht es in hohem Maße Sinn, wenn etwa das Theater Erfurt als wortwörtlich zu nehmendes Signal für die Zuhörer, ihre Plätze einzunehmen und als modernen Ersatz für den alten Pausengong gerade die Anfangstakte aus L’Orfeo einsetzt.

Mit dem Tusch oder der Fanfare, die ja noch heute Staatsbesuche hochrangiger Politiker einläutet, ist auch gleich ein repräsentativer Zweck erreicht, zu erkennen etwa in der traditionellen „Eurovisionsmelodie“, nämlich Charpentiers Prélude en Rondeau zu seinem Te Deum H146, das vor allem der Huldigung des Staates in Person des „Sonnenkönigs“ und seiner höherrangigen Begleiter nach dem Betreten der Versailler Kirche diente. Dagegen eignet den Blechbläserpassagen in der viel späteren Sinfonietta von Leoš Janáček ein eher beschwörender Charakter.

Mit ihrer Fanfare wecken die Bad Hersfelder Turmbläser sowohl Spätaufsteher als auch Mittagslangschläfer ... (2micha GFDL, 25.7.2010).

Mit ihrer Fanfare wecken die Bad Hersfelder Turmbläser sowohl Spätaufsteher als auch Mittagslangschläfer … (2micha GFDL, 25.7.2010).

Der Ursprung im italienischen fanfara meint zunächst allgemein „Blechmusik“ und bezeichnet gleichermaßen eine bestimmte lange Trompete, wie sie Verdi denn auch für Aida vorsah. Vielleicht in Anlehnung an Trommelwirbel verschiebt sich in der Orchestersuite des 18. Jahrhunderts die Bedeutung hin zu kurzen rauschenden Sätzen mit schnell repetierten Akkorden. Das Trompetensignal im zweiten Akt von Beethovens Fidelio ahmt instrumentale Fanfaren nach. Bekanntlich riefen mit Posaunen und Trompeten, manchmal auch mit Hörnern Stadtmusikanten – darin den Hähnen gleich – die Morgen-, Mittags-, Abend- oder Mitternachtsstunde aus, was übrigens auf dem Krakauer Hauptplatz noch heute geschieht.

Auch Marc-Antoine Charpentiers Prelude en Rondeau läutet in triumphalem Gestus fanfarenartig ein größeres Werk, sein Te Deum H146 ein (vermutl. Darst. des Komponisten, Ireas 26.2.2006).

Auch Marc-Antoine Charpentiers Prelude en Rondeau läutet in triumphalem Gestus fanfarenartig ein größeres Werk, sein Te Deum H146 ein (vermutl. Darst. des Komponisten, Ireas 26.2.2006).

Im öffentlichen Leben aber überwog der Einsatz der Fanfare für die Staatsmacht, daher auch der eher getragene, Würde vermittelnde majestätische oder triumphale Gestus, wie er ja ebenso Märschen à la The Prince of Denmark’s March von Jeremiah Clarke eignet (der übrigens anlässlich von Hochzeiten heute gerne von der Orgel übernommen wird). Auf den Kopf gestellt wird diese Bedeutung als Plädoyer für die unterdrückten einfachen Leute in Aaron Coplands provokativ betitelter Fanfare for the Common Man. Hier verselbstständigt sich die Form völlig und verliert ihren ursprünglich ankündigenden, einleitenden Sinn.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.