Mit ihrer Debut-CD Au bal galant aus diesem Jahr haben die auf Alte Musik  spezialisierten Musiker der Formation Les Matelots in dreifacher Hinsicht einen Volltreffer gelandet: Das hier in opulentem Umfang dargebotene und vielfältige Repertoire ist praktisch unbekannt, nur von den wenigsten der Stücke war bisher durch Tonträger überhaupt Kenntnis zu erlangen. Zudem werden die Beispiele nach bestem Wissen über die englische und französische Tanzmusik der Zeit – und nicht nur derjenigen am Hof – instrumentiert und wiedergegeben. Da aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts häufig nur zweistimmige Sätze vorliegen, am häufigsten für Violine und basso continuo, mussten die zeitüblich hinzutretenden Instrumente(nstimmen) entsprechend den Zeugnissen über die damalige Aufführungspraxis ergänzt werden. Vorbilder für die Harmonisierung der einfach überlieferten Stücke können hier immerhin die Lautentabulaturen und vierstimmige Choralsätze der Epoche liefern.

In voller Aktion auf dem Barockfest 2015 auf Schloss Friedenstein: Les Matelots (Agnes Jaworska)
In voller Aktion auf dem Barockfest 2015 auf Schloss Friedenstein: Les Matelots (Agnes Jaworska)

Dem Kern der Formation Les Matelots gehören Jiří Berger mit der Traversflöte und der Piccoloflöte an, der Cellist Philipp Weihrauch, Christoph Sommer mit Erzlaute und Barockgitarre sowie August Valentin Rabe am Cembalo. Für die Aufnahme der sehr heterogenen Tanzbeispiele aus England und Frankreich zogen die versierten Musiker aus Leipzig und Dresden das Oboistenpaar Annelie und Robert Matthes, die Fagottistin Michaela Bieglerová und den Perkussionisten Peter Kuhnsch hinzu. Auf dem Gothaer Barockfest 2015 gesellte sich wie im Vorjahr die japanische Gambistin Miyoko Ito-Erhardt zum festen Kern um Moderator Michael Spiecker, als Gast war der Lautenist Frank Petersen dabei.

Die aktuelle CD Au bal galant bietet Tanzmusik aus der vor- und frühbürgerlichen Sphäre Englands und Frankreichs ebenso wie vom Hof (Raccanto Klassik Center Kassel 2015, B00SZFQCXG),
Die aktuelle CD bietet Tanzmusik aus der vor- und frühbürgerlichen Sphäre Englands und Frankreichs ebenso wie vom Hof (Raccanto Klassik Center Kassel 2015, B00SZFQCXG),

Das Ensemble zeichnet sich dadurch vor anderen aus, dass es folkloristische Musik der frühen Neuzeit bieten möchte, wie man sie sich heute in großen Sälen und in den Schänken von wenigen Paaren oder einer größeren Gesellschaft aufgeführt vorstellen mag. Dies gilt natürlich auch für die Tänze und Lieder, die keineswegs alle nur am Hof oder in den Kreisen der niederrangigen Aristokratie gepflegt wurden oder eben ganz der öffentlichen vorbürgerlichen Sphäre entstammen. Dies gilt etwa auch für Siege of Limerick aus John Playfords weit verbreitetem Lehrbuch The Dancing Master, das 1686 in London gedruckt wurde. Michael Spieckers Stimme, der überall mit seiner Violine virtuos die melodischen Parts und die Improvisationen nach barockem Muster übernimmt, passt sich hier geschmeidig und agogisch beweglich dem Duktus des Tanzes an. Luftig und ausdrucksstark handhabt Jiří Berger in anderen Nummern der Aufnahme die Flöteninstrumente.

Über die Hälfte der 21 Stücke auf der vorliegenden CD wurde Playfords Sammlung und der jüngeren Kollektion des Pariser Verlegers Raoul-Anger Feuillet unter dem Titel Receuil de Contredanses von 1706 entnommen. Gerade letztere hatte es, wie das mit Abbildungen und kundigem Text reich ausgestattete Booklet informiert, auf Breitenwirkung abgesehen – und wurde daher bei lediglich für den Hof agierenden Tanzmeistern argwöhnisch betrachtet. Feuillets Beispiele übernehmen nämlich englische Countrydances, die dann, französisch abgewandelt, wieder auf die Insel reimportiert wurden. Die weiteren Beispiele der Einspielung greifen eng am Thema angesiedelte schwungvolle Tanzmusik aus dem Umfeld auf, etwa das Menuet à deux aus Johann Philipp Kriegers Lustiger Feld-Musik von 1704, ein weiteres Menuett aus der Ballettszene im ersten Akt von Händels Oper Alcina, ein Rigaudon à quatre aus Louis de la Costes Tragédie lyrique Philomèle mit der Tanzchoreographie von Michel Gaudrau oder zu Beginn La Pavane des Saisons vom Leib- und Magenkomponisten des Sonnenkönigs, Jean-Baptiste Lully.

Nah an der tatsächlichen barocken Aufführungspraxis: Barockgitarrist Christoph Sommer hier an der Erzlaute (Agnes Jaworska)
Sicher nicht weit weg von der tatsächlichen barocken Aufführungspraxis: Lautenist Frank Petersen hier an der Erzlaute (Agnes Jaworska)

Die Stücke sind hier über den historischen Informationswert und ihre Tanzbarkeit hinaus sehr abwechslungsreich und kurzweilig-unterhaltend zusammengestellt – und bleiben dennoch alle nah an der zentralen „Botschaft“ der auch technisch exzellent zu nennenden Aufnahme: Das vorbürgerliche Publikum zelebrierte sein eigenes Repertoire und kannte die höfischen Tänze spätestens seit dem 17. Jahrhundert, die es – nicht zuletzt dank der Tanzbücher – zunehmend in seine eigenen Feste und Bälle integrierte.

Offizielle Website: www.lesmatelots.com

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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