Ein Trend schon vor mehr als 150 Jahren: Geistliche Musik tummelt sich heute gerne auch außerhalb der Dome, Klöster und Wallfahrtskirchen in weltlichen Konzertsälen. Für diese wurde sie gelegentlich auch geschrieben, wenn Komponisten andere akustische Voraussetzungen intendierten, etwa einen hallärmeren, konzentrierteren Klang. Und schließlich gab es auch eine Verschiebung innerhalb der Sphären: Weltliche Kantaten und Oratorien entstanden, die ihrem Sujet nach nicht der Ergänzung einer Messe dienten. Umgekehrt ist es schon seit längerem üblich, dass Kammermusik im Kirchenraum zelebriert wird – gerade vielleicht, um ein weiter resonierendes Klangbild zu erhalten. So hatte ja bereits die italienische sonata da chiesa seit dem 16. Jahrhundert Einzug in Gotteshäuser gehalten und heute erklingen dort nicht selten symphonische Werke außerkirchlicher Herkunft.

In der Tauf- und Traukirche des Berliner Doms gibt Klaus Eichhorn am 12. September 2015 ein Konzert mit Alter Musik (Andreas Steinhoff, 18.6.2005, p.d.).
In der Tauf- und Traukirche des Berliner Doms gibt Klaus Eichhorn am 12. September 2015 ein Konzert mit Alter Musik (Andreas Steinhoff, 18.6.2005, p.d.).

Wie geschaffen für eine konzertante Aufführung jenseits der Kirche erscheint Franz Schmidts Oratorium Das Buch mit sieben Siegeln, zu hören mit dem Philharmonischen Chor am 8. November um 20 Uhr in der Berliner Philharmonie. Der österreichische Komponist aus Bratislava hatte damit einen lange gefassten Plan verwirklicht, mehrere ihm wichtige Bibelstellen zu einem größeren Chorwerk zusammenzustellen. Für das umfangreiche Oratorium wählte er – was die Betitelung verrät –  Texte aus der Offenbarung des Johannes-Evangeliums.

Im großen Saal des Berliner Konzerthauses ist  zu hören (Christian Nielinger 2008, freig. d. Konzerthaus Berlin).
Im großen Saal des Berliner Konzerthauses ist die Musikakademie Berndt & Heinrich mit Chorwerken von Fauré und Mendelssohn zu hören (Christian Nielinger 2008, freig. d. Kh. Berlin).

Der Große Saal des Konzerthauses Berlin empfängt seine Besucher am 14. November um 15.30 Uhr zu einer Aufführung der Musikakademie Berndt & Heinrich unter Leitung von Tobias Heinrich. Auf dem Programm stehen Gabriel Faurés Cantique de Jean Racine für Chor und Orgel sowie sein Requiem für Soli, Chor und Orgel op. 48, außerdem Mendelssohn-Bartholdys Hör mein Bitten für Chor, Sopran und Orgel, zwei weitere Vokalwerke aus seiner Hand und die Orgelsonate c-Moll op. 65. Genau einen Tag später und für den Volkstrauertag geeignet nimmt sich  – im Kammermusiksaal der Philharmonie – die Tschechische Kammerphilharmonie des berühmt-berüchtigten Requiems d-Moll von Wolfgang Amadeus Mozart an.

Kaija Saariaho nahm sich des Lebens der Philosophin Simone Weil in einem als "Passion" betitelten Oratorium an (erschienen beim Label Ondine, B00B5UBF6C, 2013).
Die Finnin Kaija Saariaho nahm sich des Lebens der Philosophin Simone Weil in einem als „Passion“ betitelten Oratorium an (erschienen beim Label Ondine mit dem Finnish Radio Symphony Orchestra, B00B5UBF6C, 2013).

Auch die Oper nimmt sich gelegentlich eines Genres wie der Passion an, hier allerdings mehr in einem übertragenen Sinn: Am 26. November um 20 Uhr ist als Gastspiel (zum letzten Mal in dieser Inszenierung) Kaija Saariahos Oratorium La Passion de Simone mit dem amerikanischen Improvisationskünstler und Choreographen Michael Schumacher und unter Leitung von Duncan Ward zu erleben. Es nimmt Bezig auf das Leben der Pariser Mystikerin und Philosophin Simone Weil, das Libretto stammt aus der Feder des Libanesen Amin Maalouf. Ungewöhnlich an diesem für die Bühne arrangierten Werk ist auch der Einsatz von Live-Elektronik. Kaija Saariaho bezeichnete das Oratorium als ihr bedeutendstes Werk. Zum Teil in Umkehrung zur Durchlässigkeit „weltlicher“ Konzertorte für Geistliches und dessen Verwandte gibt Klaus Eichhorn in der Tauf- und Traukirche des Berliner Doms ein Orgelkonzert mit virtuos vorgetragener Alter Musik – und dies bereits in Kürze, am Samstag, den 12. September um 20 Uhr.

 

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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