Nach zehn Jahren Ausstand das zehnte Album (der Waiting For the Sirens‘ Call-Aufwasch Lost Sirens von 2012 mal nicht mitgerechnet): New Order verstehen sich mit Music Complete (Mute/GoodToGo, ab Freitag) aufs exakte Einhalten der eigenen Maßstäbe. Selbst das Album-Artwork scheint entsprechend wie mit dem eigens geeichten Kreuzlinienlaser gestaltet. Peter Hook raus, Gillian Gilbert zurück – anerkennenswert und erschreckend zugleich, wie wenig der Dreh am Personalkarussell doch ausmacht.

New Order: "Music Complete" (Mute/GoodToGo)
New Order: „Music Complete“ (Mute/GoodToGo)

Der neue Bassist Tom Chapman (Ex-Bad Lieutenant) könnte als Sinnbild für das gesamte Album herhalten. Wo New Order draufsteht, ihr wisst schon – solange nur Bernard Sumner den Daumen drauf- und hochhält (und sein – wie üblich – frivol anmaßendes Timbre den Faden tiefrot färbt). Und wenn auch das Elektronische die irgendwann einmal angegangene Verschärfung der Gitarrensounds wieder nahezu gänzlich eliminiert hat, bedarf es einer doch recht genauen Kenntnis der New Order-Historie, um dies überhaupt zu bemerken. Nein, Music Complete würde sich auch als Bindeglied zwischen, sagen wir mal, Technique und Get Ready eignen. Oder gleich als die Konsensplatte schlechthin – mit den allseits bekannten Vor- und Nachteilen.

Objektiv könnte die Weigerung, das Unerwartete zu wagen, zu einer Empfehlung „for fans only“ führen, subjektiv sei von der eigenartigen Steigerung berichtet, die Music Complete durchläuft. Gut, Restless ist zum Auftakt ein passabler Regret-Wiedergänger, doch dann droht mit den folgenden Tracks die Kiste vor lauter Dance-Zitat in die Irrelevanz zu kippen. Plastic tutet bei diesem Drift besonders nachdrücklich ins Horn, Hi-NRG sollte Divine-Platten vorbehalten bleiben, wenn es dazu herhalten muss, Mainstream-Camp mit den Mitteln der Achtziger zu simulieren. Italo-Disko Tutti Frutti dito.

Erst ab Academic (aber im weiteren Verlauf umso sinnstiftender) beherrscht die archetypische Gemengelage zwischen dem Aushauchen von Joy Division über Blue Monday, True Faith und World In Motion die Szenerie. Hier wird auch das kultische Verehrungspotenzial wieder nachvollziehbar, das sich der poppigen Aufmüpfigkeit verdankt, mit der New Order ihren eigenen Launen vertrauen. Zwischen Konfektionsware aus dem Beliebigkeitsregal (People On The Highline) und dem Anflug gebrochen euphorisierender Weltumarmung (The Game) wählend, ergeht die Empfehlung ganz klar an die zweite Hälfte, wobei, zugegeben, Music Complete ganz praktisch-programmatisch auch die andere Hälfte benötigt, um sich selbst gerecht werden zu können. Die Gastauftritte von Iggy Pop (Stray Dogs), Elly Jackson (La Roux) und Brandon Flowers (naheliegend, doch schon) hätte es dazu nicht gebraucht, werten das Album dennoch charmant auf.

Restless:
vimeo.com/136310609

neworder.com
facebook.com/NewOrderOfficial

 

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