Am vergangenen Samstag in der Weimarhalle

Schwierige Werke – dynamisch voluminös und subtil interpretiert

Beide Rahmenwerke des Konzerts am Samstagnachmittag in der Weimarhalle sind Organisten zu verdanken, während das Mittelstück auf einen polyphonen Chor zurückgeht. Der erste Teil galt Bearbeitungen, der zweite Teil einem Originalwerk: Das Bundesschulmusikorchester brillierte zu seinem 20jährigen Bestehen in Perfektion zunächst mit J.S. Bachs Präludium und Fuge Es-Dur im Orchestersatz von Arnold Schönberg, danach mit einer Uraufführung, vier ohnehin selten live zu hörenden fünfstimmigen Madrigalen von Carlo Gesualdo arrangiert durch Claudio Novati für Bläser mit Perkussion. Nach der Pause bewältigten die aus allen Bundesländern vereinten Musikerinnen und Musiker „spielend“ die ausladend umfangreiche 5. Symphonie Anton Bruckners.

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Am vergangenen Freitag und Samstag mit überwältigendem Einsatz zu erleben: die rund neunzig Musikerinnen und Musiker des Bundesschulmusikorchesters in der Weimarhalle (Agnieszka Mederer)

Am vergangenen Freitag und Samstag mit überwältigendem Einsatz zu erleben: die rund neunzig Musikerinnen und Musiker des Bundesschulmusikorchesters in der Weimarhalle (Agnieszka Mederer)

Gerade den Blechbläsern gelang hier bei lupenreiner Intonation eine dynamisch durchgehend stimmige Interpretation, was angesichts des symphonischen Kolosses mehr als beachtlich genannt werden kann. Dasselbe gilt für den schwierigen Part der Solooboistin, die noch dazu kantilenische Feinheiten mit dem letzten Schliff herauszuarbeiten wusste. Das Bundesschulmusikorchester unter dem 1982 geborenen Neubrandenburger Dirigenten Kiril Stankow kann sich durch seine erfolgreichen Konzerte schon seit längerem in die Riege der großen Symphonieorchester hierzulande einreihen. Die beiden Aufführungen am Freitag und Samstag standen unter der Schirmherrschaft sowohl der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, als auch unter der Ägide von Christoph Stölzl, dem Präsidenten der renommierten Weimarer Hochschule für Musik Franz Liszt. Ein nicht unerheblicher Teil der allesamt „karriereverdächtigen“ neunzig Interpreten des großen romantischen Symphonieorchesters gehört der Weimarer Hochschule an.

Auch akustisch ideal für die Besetzung mit einem großen Symphonieorchester ist der Große Saal der Weimarhalle, die hier von der Parkseite aus zu sehen ist (Maik Schuck, 20.5.2011, p.d.).

Auch akustisch ideal für die Besetzung mit einem großen Symphonieorchester ist der Große Saal der Weimarhalle, die hier von der Parkseite aus zu sehen ist (Maik Schuck, 20.5.2011, p.d.).

Schönbergs Interpretament von Bachs Orgelkomposition, die vor 1732 entstanden sein muss, fordert ein Symphonieorchester wegen seiner subtilen Polyphonie im fast schroffen Wechsel zu den majetätisch-pomphaften Akzentsetzungen heraus. Ähnliches trifft – vor allem, wenn man die fanfarenartigen Abschnitte in den Ecksätzen berücksichtigt – auf Bruckners in der Anlage und gerade im Scherzo offensichtlich dem Muster der Klassik verpflichteten Satzbau seiner 5. Symphonie in B-Dur zu. Diese weist andererseits bereits auf die abstrakten Entwürfe der späteren Symphonien voraus, denn ab der Mitte der 1870er Jahre ist ein offenliegendes Programm immer weniger zu identifizieren: Die Musik verrät hier weder ihr letztes Geheimnis noch scheint sie eine Deutung außerhalb ihrer selbst überhaupt zuzulassen.

"Moro lasso" stellte in der Aufführung das letzte der vier von Claudio Novati für Bläserbesetzung bearbeiteten Madrigale aus Gesualdos VI. Buch von 1611 dar (Flopino2012, 7.4.2012).

„Moro lasso“ stellte in der Aufführung das letzte der vier von Claudio Novati für Bläserbesetzung bearbeiteten Madrigale aus Gesualdos VI. Buch von 1611 dar (Flopino2012, 7.4.2012).

Gesualdos vier Beispiele aus dem sechsten Buch der Madrigale von 1611, die ja einen in der Rückschau fast makabren Kontrapunkt zum Komponisten als Mörder aus Eifersucht setzen, sind in der aktuellen rein instrumentalen Deutung durch Claudio Novati, der Diktion von Bläsersätzen der Renaissancezeit feinsinnig nachempfunden, auch wenn hier eine moderne Klarinette und kein Chalumeau zum Einsatz kommt. Damit liegt eine ganz aktuelle Sicht auf diese weltliche und doch ganz der Kirchenmusik zu verdankende Liedkunst vor, die in ihrer satztechnischen Konsequenz und Reinheit nie mehr übertroffen worden ist.

Anton Bruckner 20 Jahre vor der Komposition seiner schon zur Abstraktion tendierenden 5. Symphonie (Joseph Löwy, Wien 1854)

Anton Bruckner 20 Jahre vor der Komposition seiner schon zu größerer Abstraktion tendierenden 5. Symphonie (Joseph Löwy, Wien 1854)

Der ansprechend homogen klingende Streicherapparat wird gerade in der Aufführung der Bruckner-Symphonie von den Perkussionisten des Bundesschulmusikorchesters ideal und mit hoher Subtilität flankiert: Die rollenden ostinaten Paukeneinsätze etwa gerade im ersten Satz Adagio – Allegro bringen geradezu eine neue Orchesterklangfarbe ins Spiel und widersprechen so der Ansicht, der Komponist habe gerne den Satz an den Tutti-Stellen seiner Symphonien in „Pauken und Trompeten“ untergehen lassen wollen. Kiril Stankow, der auch schon in Frankreich und Italien dirigierte, begegnete am Pult den dynamischen Erfordernissen der Rahmenwerke eher gelassen: Sein eleganter Stil erinnert in den tänzerischen, rhythmisch genau fließenden Bewegungen eher an die Kunst der Ballettmeister von Versailles und vermittelte dem Orchester ein hohes Maß an Präzision und Sicherheit.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.