Töne aus den Staaten: Tennessee

Verdienste um den Westen

Mary Carr Moores Werkbiographie erklärt sich zu einem guten Teil aus ihren Anfängen. Die in Memphis geborene spätere Musikdozentin und Dirigentin studierte zunächst Gesang in San Francisco bei Henry Beckford Pasmore, bevor sie sich in die Kompositionsklasse von John Haraden Pratt immatrikulierte. Der Schulung im Vokalfach und ihrem Talent im literarischen Schreiben ist es sicher zu verdanken, dass sie sich früh der Oper zuwandte. Bereits mit 19 Jahren komponierte sie – 1894 – das Musikdrama The Oracle, zu dem sie selbst das Libretto verfasst hatte. Eine Amateurtruppe brachte die Oper damals bald nach Carrs letztem Schliff zur Uraufführung.

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Die Sopranistin Evelyn de la Rosa singt auf einer Einspielung mit den in der musikalischen Romantik wurzelnden Liedern von Mary Carr (B00CJVQ5DE, 1985, Vinyl).

Die Sopranistin Evelyn de la Rosa singt auf einer Einspielung mit den in der musikalischen Romantik wurzelnden Liedern von Mary Carr (B00CJVQ5DE, 1985, Vinyl).

Auch die pädagogischen Fähigkeiten der begabten Künstlerin müssen beachtlich gewesen sein, denn erst vierzehnjährig begann sie zu unterrichten. Doch die eigentliche Passion galt dem Musiktheater. Nach The Oracle entstanden mehr als 10 große Bühnenwerke, die realhistorische Stoffe aufgriffen und einem spätromantischen Stil verpflichtet waren.

Darunter findet sich ein großer Erfolg aus den Anfangsjahren, Narcissa, or the Cost of Empire (1911). Der Stoff war nicht zuletzt einer fortgesetzten national(ro-mantisch)en Strömung geschuldet, denn die vieraktige Oper greift die Geschichte von Marcus und Narcissa Whitman auf, die in Walla Walla – im Bundesstaat Washington – eine Mission errichteten, mit der Christianisierung aber nicht vorankamen. Nach einer Epidemie wurden sie von Cayuse-Indianern ermordet, da diese glaubten, sie hätten die Einheimischen vergiftet. Weil zur Erstaufführung von Seattle kein Dirigent zur Verfügung stand, betrat Mary Carr selbst das Podest, später im Einsatz für dasselbe Werk noch zweimal. Hier war noch kaum abzusehen, dass sie dafür einmal eine Auszeichnung erhalten würde; die Ehrung folgte erst 1930 mit der Verleihung der David Bispham Memorial Medal – völlig zu Recht, denn die amerikanische Oper in der gesamten ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hätte ohne Carrs Werke nicht gleichermaßen an Bedeutung gewonnen.

In Seattle lebte die Komponistin verheiratet mit Dr. John Moore seit 1901 und schuf dort weitere Musikdramen: The Leper (1912), Memories (1914), Harmony (1917) und die im Century Club Auditorium von San Francisco uraufgeführte Oper The Flaming Arrow, or, The Shaft of Ku‘ Pish-ta-ya (1922) nach einem Libretto von Sarah Pratt Carr. Eine Ausnahmestellung kommt der zweiaktigen großen Oper David Rizzio nach einer italienischsprachigen Vorlage über das Leben der schottischen Queen Mary zu, die 1932 von einem Opernhaus in Venedig produziert wurde. Erfolg hatte die Komponistin mit diesem Werk, in dem harmonisch gesehen auch der Gebrauch der Ganztonleiter eine Rolle spielte, jedoch erst durch eine weitere Aufführung in Los Angeles, wo sie seit 1926 lebte.

Am Chapman College in Orange, Kalifornien, lehrte die Opernkomponistin Mary Carr Moore von 1928 bis 1947. Im Bild sind die Gebäude Memorial Hall und Smith Hall zu sehen  (CC-By-SA-3.0 Bobak Ha'Eri, 14.6.2008, p.d.).

Am Chapman College in Orange, Kalifornien, lehrte die Opernkomponistin Mary Carr Moore von 1928 bis 1947. Im Bild sind die Gebäude Memorial Hall und Smith Hall zu sehen (CC-By-SA-3.0 Bobak Ha’Eri, 14.6.2008, p.d.).

Mehr noch als ihr langjähriger Unterricht in Theorie und Komposition am Chapman College in Orange und am Klavierinstitut von Olga Steeb machten Mary Carr ihre weitreichenden Verdienste um das Konzertleben an der West Coast bekannt: Sie sorgte für die Begründung des American Music Center in Seattle ebenso wie sie sich mit zäher Leidenschaft unter Federführung des Federal Music Project um die Aufführung aktueller Werke von Komponisten aus Los Angeles bemühte. Sie blieb der Westküste treu und starb 1957 im kalifornischen Inglewood. Es wird ihr zwar ein eher konservativer romantischer Stil attestiert, avantgardistischen Strömungen stand sie mehr als skeptisch gegenüber. Trotz allem festhalten an einer traditionellen Ästhetik sind stilistische Tendenzen zur impressionistischen „Schule“, insbesondere zu Debussy, in ihren Opern spürbar.

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.