Interview mit Radare

„Wir sitzen in der Falle der Originalität“

Radare: "Im Argen" (Artwork)

Radare: „Im Argen“ (Artwork)

amusio: „Vermutlich waren Meinungen von außen, zumindest während der Arbeit an Im Argen, ohnehin irrelevant, oder?“

Fabian Bremer: „Sicher, Im Argen hat auch so schon sehr viel Zeit beansprucht. Zwischenzeitlich lag es auch mal für eine Weile brach. Und es gab reichlich interne Kontroversen. Doch irgendwann sind wir an einen Punkt gelangt, von dem an wir das ständige Nachdenken und Verkrampfen ablegen konnten. Dann sind sehr schnell zwei weitere Stücke entstanden und wir befanden uns endlich in einem Fluss, der bis zur Fertigstellung nicht mehr ins Stocken geraten sollte.“

amusio: „Aber insgesamt doch eine eher schwere Geburt?“

Jobst M. Feit: „Wir haben bestimmt mindestens dreimal mehr an Material verworfen, als auf Im Argen Eingang gefunden hat. Konsensgesteuert und basisdemokratisch, wie wir nun einmal sind, fällt es sehr schwer, sich gegenseitig davon zu überzeugen, dass etwas richtig gut ist.“

amusio: „Würdet Ihr lieber ökonomischer vorgehen?“

Jobst M. Feit: „Man kann es nicht erzwingen. Platten, die strikt nach einem Masterplan entstehen, hört man das auch an. Sie sind tendenziell langweilig. Wo etwas Neues und Interessantes entsteht, muss auch gelitten werden. Die Anspannung bleibt im Ergebnis erhalten, das schafft Atmosphäre.“

amusio: „Das Mastering für Im Argen habt Ihr an Harris Newman [A Silver Mt. Zion, Wolf Parade] übertragen. Aus gutem Grund?“

Jobst M. Feit: „Wir haben etliche Vorschläge diskutiert, anschließend den Kontakt zu unserem Wunschkandidaten hergestellt. Und schon im Vorfeld verlief die Kommunikation mit Harris so reibungslos, dass wir sofort wussten, mit ihm die richtige Wahl getroffen zu haben.“

Fabian Bremer: „Als wir sein Mastering erhielten, bestand keinerlei Bedarf an Nachbesserungen. Vielmehr waren wir überrascht, was ein Profi wie er aus unseren Aufnahmen noch so alles hat rausholen können…“

Jobst M. Feit: „In ästhetischer Hinsicht war im Grunde ja nichts passiert, aber Harris hat das Ganze noch mal aufleben lassen. Prinzipiell wollen wir zwar alles selber machen und aus eigener Kraft stemmen. Doch diesmal hat der abschließende Blick von außen gut getan. Bei uns wäre sonst vielleicht noch die Betriebsblindheit ausgebrochen.“

amusio: „Um ihr zu entgehen, kann es hilfreich sein, sich ab und an auch anderen Musikgattungen zu widmen. Wie schaut es bei Euch in Sachen klassischer Musik aus?“

Fabian Bremer: „Unser Basser und Posaunist Matthias [Jurisch] hört sehr sehr viel klassisch klassische Musik. Ich hingegen habe in letzter Zeit ein Faible für moderne Klassik entwickelt, für John Cage, Steve Reich oder Nicholas Lens.“

Jobst M. Feit: „Ich war vor einiger Zeit noch mal in der Oper. Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss. Ich hatte keine allzu hohen Erwartungen, aber es hat mich schon sehr beeindruckt. Ich denke, dass die klassische Musik eine hervorragende Inspirationsquelle für jene Unterhaltungsmusik sein kann, die wir machen (lacht).“

amusio: „Und wie schaut es mit Jazz aus? Angesichts von Im Argen würde ein erhöhtes Interesse nicht verwundern…“

Jobst M. Feit: „Mit Jazz kann ich eine Menge anfangen. Erst bei so Fusion-Sachen steige ich aus. Ich bin ein Freund traditioneller Trio-Formate.“

Fabian Bremer: „Wir befinden uns beide auf dem Bill Evans-Trip. Davon abgesehen, haben gewisse Klangästhetiken des Jazz bei uns ja längst Einzug genommen. Aber allein da bei Radare nicht eine Sekunde lang improvisiert wird, kann man uns wohl kaum als Jazz bezeichnen.“

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