Nova Heart: Helen Feng (Stephan Wolf)
Nova Heart: Helen Feng (Stephan Wolf)

amusio: „Kannst Du Dich trotz der Fluktuation dennoch dazu entscheiden, dass etwas gut ist und Deinen Vorstellungen entspricht? Oder erliegst Du Deiner Kompromissfähigkeit?“

Helen Feng: „Kein Künstler sollte mit sich selbst zufrieden sein. Die Zufriedenheit, die ein Künstler angesichts seines Schaffens empfindet, ist narzistisch. Ein Kreativer wächst im Prozess, der nie als abgeschlossen gewertet werden sollte. Nur eine Deadline ist unbedingt zu respektieren! Da kommen in Falle der Musik die Labels ins Spiel. Ein guter A&R-Mananger ist immens wichtig, das wird oft unterschätzt. Er sollte der Psychologe einer Band sein, den Zeitrahmen vorgeben und einhalten, den Überblick wahren und Strukturen schaffen.“

amusio: „Strukturen, die Künstler eben nicht aus sich selbst heraus entwickeln sollen?“

Helen Feng: „Genau. Die wollen und sollen lieber Party machen. Aber es muss einen geben, der auf die Uhr schaut. Denn Partys sind zeitraubend.“

amusio: „Ist die hohe Wertschätzung der Notwendigkeit von Struktur, Ordnung und Funktionalität vielleicht typisch asiatisch, wenn nicht gar – chinesisch?“

Helen Feng: „Das würde ich partiell verneinen. Reden wir von China, reden wir von über einer Milliarde Menschen mit zig unterschiedlichen Kulturen und Typen. Dass nach außen der Eindruck einer gewissen Uniformität entsteht, ist eine Folge des Kapitalismus, nicht nur in China, sondern weltweit. China wird von außen nur anhand eines sehr kurzen Zeitraums wahrgenommen, vielleicht erst nach der Kulturrevolution oder sogar erst nach seinem offenen Bekenntnis zum kapitalistischen System. Doch darf auch die deutsche Geschichte nicht auf die Zeit nach dem 3.Reich reduziert werden. Der Kapitalismus nivelliert. Die europäischen Städte sehen zunehmend gleich aus. Die chinesischen auch. Es zählt die Form, nicht mehr dasjenige, was sie erst ermöglichte: das Genie, die Erfindung. Die chinesische Kultur hat vieles erfunden. Den Buchdruck zum Beispiel.“

amusio: „War Gutenberg Chinese?“

Helen Feng: „Er hat eine Form des Buchdrucks erfunden und etabliert, doch die Idee reicht weiter zurück und findet sich im 8. Jahrhundert als chinesischen Ursprungs datiert. Gutenberg verhält sich zum Buchdruck, wie die Bayern etwa zu Deutschland. Es ist alles eine Frage der Wahrnehmung und des kategorischen Denkens. Darum werden wir zurzeit als chinesische Band wohl auch so hoch gehandelt. Es ist müßig zu überlegen, ob wir auch als britische Band eine dermaßen große Aufmerksamkeit seitens des okzidentalen Feuilletons verzeichnen könnten. Dabei gibt es auch in China eine Rock-Tradition. Doch reden wir mal nicht über China. Nehmen wir doch mal die Türkei, nur zum Beispiel. Ich war dort, habe fast den gesamten nahen Osten bereist. Es gibt einen türkischen Underground. Und es gibt türkische Western, türkische Eastern und türkische Pornos.“

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