Sandra Kreisler mit unkoscheren Liedern in Erfurt

Schum Davar ist sein Gegenteil

Mit ihrem Programmtitel Schum Davar spielt die jüdisch-österreichische Schauspielerin, Regisseurin und mehrfache Preisträgerin Sandra Kreisler einmal auf die ursprüngliche Bedeutung Nichts an, was im Hinblick auf den Konzertabend aber mehr ein bescheidenes Achselzucken angesichts tatsächlich gewichtiger Themen verschlüsselt. Auf der anderen Seite galt Schum mit seiner anderen Bedeutung „Knoblauch“ im Mittelalter den jüdischen Gemeinden als Sammelbegriff für die kulturell heterogene Städte-„Knolle“ Speyer, Worms und Mainz. Dementsprechend vielfältig gestaltete sich der gestrige Auftritt im Erfurter Forum Haus Dacheröden im Rahmen der 23. Thüringer Tage der jüdisch-israelischen Kultur.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Sandra Kreisler sorgte am 30. Oktober im Kulturforum Dacheröden für zahlreiche Gäste (Agnieszka Jaworska).

Sandra Kreisler sorgte am 30. Oktober im Kulturforum Dacheröden für zahlreiche Gäste und großen Applaus (Agnieszka Jaworska).

Die Bezeichnung der Abendvorstellung als „unkoscher“ meint gerade, dass kein Blatt vor den Mund genommen wird und aktuelle Problemlagen in den teilweise auch schwarzhumorigen Liedern mitgedacht oder ganz direkt angesprochen werden. Die im- und explizite Kritik bezieht sich ebenso auf das paradoxe Verhalten von Veranstaltungsbesuchern in Deutschland, die gleichzeitig begeistert Klezmer-Musik hören und den Konflikt in Palästina Israel anlasten. Wegen ihrer rhetorischen Gewandtheit nicht nur im Kabarett und ebenso dank ihrer beweglichen wie deutlich und vehement deklamierenden Sprechstimme lobte seinerzeit Thomas Bernhard die Tochter des Wiener Schriftstellers, Komponisten und Sängers Georg Kreisler, der sich selbst als anarchistischen Künstler sah und sich zur österreichischen Staatsbürgerschaft nicht bekennen mochte.

Gennadij Desatnik

Gennadij Desatnik spielt neben seinem Engagement für Sandra Kreislers Kabarett-Veranstaltungen seit langem Violine, Viola und Gitarre im Trio/Duo Scho und trat am Freitagabend mit einer eigenen Gesangsnummer auf (Agnieszka Jaworska).

Aus ihrer „Wahlheimatstadt“ Berlin brachte Sandra Kreisler den ukrainischen Multiinstrumentalisten Gennadij Desatnik mit, dessen versiertes Geigenspiel die unterschiedlichsten Stillagen zwischen Ost und West zu Gehör brachte. Auf der anderen Seite der Bühne konnte das leider fast nur aus älteren Gästen bestehende Publikum den seit langem in der Bundeshauptstadt aktiven Akkordeonisten Valeriy Khoryshman hochvirtuos erleben. Mit Alexander Franz bilden die beiden ukrainischen Musiker das Trio Scho. Als Duo sind sie mit Sandra Kreisler heute abend um 20 Uhr auch im Soziokulturellen Zentrum Rudolstadt zu sehen. Neben einem gewissen Galgenhumor kennen die ebenso aus dem jiddischen Repertoire schöpfenden Lieder, sketchartigen Anekdoten und Späßen schöpfenden Beiträge der Wiener und Berliner Künstlerin auch leichten bis bedeutungsvollen Witz, und gerne skurril oder quergedacht herüberkommt:

Der virtuos und einfühlsam speilende Akkordeonist Valerij Khoryshman ist sonst im Duo Scho auf Tournee (Agnieszka Jaworska).

Der virtuos und einfühlsam spielende Akkordeonist Valeriy Khoryshman ist sonst im Duo Scho auf Tournee (Agnieszka Jaworska).

Die freundschaftliche verwandtschaftliche Empfehlung etwa, einen „Elefanten waschen“ zu gehen, reicht schon an absurde Komik heran. Über die Ratschläge des Rebbe – das heißt des Rabbiners – im Schtetl etwa lässt sich ebenso schmunzeln wie seine spielerisch einfach vermittelte, aber tiefgründige Weisheit entdecken. Der allseits verbreitete Relativismus in Politik, Kultur und Alltag wird gleichermaßen wie antisemitische (darunter auch nicht-reflektierte) Positionierungen aufs Korn genommen. Eine köstliche Abrundung des denkenswerten Programms bildete eine ganz nach Art der Zauberflöte rapid deklamierte Persiflage auf Opernarien und den Opernbetrieb in Mitteleuropa.

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!

Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.