"Verspätete" Romantik aus Dänemark

Ein unterschätzter Symphoniker

In seinem Violinkonzert G-Dur op. 46 von 1904 sind Notenwertbeschleuniger eingebaut, ebenso wie im 2. und 4. Satz seiner 2. Symphonie A-Dur op. 7 Havet („Die See“) aus demselben Jahr: Der Kopenhagener Hakon Børresen (1876 – 1954), der väterlicherseits norwegische Wurzeln hatte, gilt zwar als Spätromantiker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, doch lassen sich hier und da sehr individuelle Gestaltungsformen feststellen. So griff er auch die breitflächige, weitschweifige Klangmalerei der generationsgleichen, aber weit progressiveren Impressionisten auf, übersetzte sie aber in eine tonal weniger komplexe, persönliche Tonsprache, die sichtlich von seinem bedeutenden Lehrer Johan Svendsen ebenso wie von Tschaikowsky beeinflusst ist.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Michael Ancher malte dieses Porträt des Komponisten, Violinisten und Cellisten Hakon Børresen (1910, Skagens Museum).

Michael Ancher malte dieses Porträt des Komponisten, Violinisten und Cellisten Hakon Børresen (1910, Skagens Museum).

In Privatstunden brachte ihm Svendsen, derzeit eine der wichtigsten Figuren des dänischen und norwegischen Musiklebens, von 1895 an den musikalischen Satz nahe; der intensive Unterricht mündete nur sechs Jahre danach in die Komposition seiner 1. Symphonie, die so erfolgversprechend ausfiel, dass er mit dem Stipendium des Anckerschen Legats eine Ausbildungsreise durch ganz Europa antreten konnte.

Børresen begegnete in Leipzig Artur Nikisch, der sich von seinen Kompositionen beeindruckt zeigte und mit seinem Violinkonzert bald in ganz Deutschland auftrat. In Paris traf er auf den Kreis um Vincent d’Indy, in Brüssel entspann sich der Kontakt mit dem großen Violinvirtuosen und Komponistenkollegen Eugene Ysaÿe.

Ein Blick auf die harmonische und melodische Faktur insbesondere seiner Orchesterwerke, darunter auch die Konzertouvertüre Die Normannen (1912) und Nordische Volksmelodien für Streicher (1949), zeigt eine deutliche Verwurzelung in der schwungvollen und leichtschwebenden, nicht selten auch ausgeprägt tänzerischen Diktion der dänischen Musik am Ende des 19. Jahrhunderts, andererseits zeigen sich in der identischen Reihung von Motivelementen noch Einflüsse aus Mendelssohns und Gades Epoche. Gelegentliche verspielte Einfälle in den Satzeingängen und -durchführungen erinnern an Fini Henriques und seine Suite F-Dur, während die dramatischen Szenerien etwa in der Symphonie „Das Meer“ – aus dem Umfeld von Debussys großem programmatischen Orchesterwerk! – in ihrer Schwere mehr an einen anderen Landsmann, Asger Hamerik, etwa an dessen 5. Symphonie, denken lassen. Da Børresen von seiner Zweitwohnung in Skagen aus das Leben der Maler und Fischer beobachten konnte und die Natur der stürmischen wechselhaften See „hautnah“ miterlebte, suchte er diese Eindrücke sozusagen in ein eigenes symphonisches „Tagebuch“ zu bannen.

Neben der Symphonie Nr. 2 "Havet" enthält diese Aufnahme mit dem Aalborger Symphonieorchester unter Owain Arwel Hughes auch die 3. Symphonie von 1927 (dacapo records, 1997, B00000467S).

Neben der Symphonie Nr. 2 „Havet“ enthält diese Aufnahme mit dem Aalborger Symphonieorchester unter Owain Arwel Hughes auch die 3. Symphonie von 1927 (dacapo records, 1997, B00000467S).

Mit seiner einaktigen Oper Den Kongelige Gæst („Der königliche Gast“), die auf eine Novelle von Henrik Pontoppidan zurückging, feierte er 1919 einen großen Erfolg im Königlichen Theater von Kopenhagen. Nicht zuletzt dieses Werk war es, das ihn bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer geachteten und populären Persönlichkeit des dänischen Musiklebens (und über die Landesgrenzen hinaus) werden ließ. Nach seiner zweiten Oper Kaddara (1921) schrieb Børresen neben etlichen Liedern und Chorvertonungen das Ballett Tycho Brahes Traum (1924), das in einer Aufnahme mit dem Aalborg Symphony Orchestra vorliegt, und die 3. Symphonie in C-Dur op. 21 (1927). Diese und die 2. Symphonie wurden von Owain Arwel Hughes mit den Aalborger Symphonikern in einer ebenso gefühlvollen wie ausdrucksstarken Interpretation 1997 eingespielt. Leider war Børresens Werk nach 1950 bald in Vergessenheit geraten, wurde aber seit den 1990er Jahren langsam für die Konzert- und Musiktheateröffentlichkeit „wiederentdeckt“.

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!

Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.