Alexander der Große auf dem Musiktheater

Interpretamente einer umstrittenen Legende

Was verbindet Henry Purcell eigentlich mit Georg Friedrich Händel und Johann Adolph Hasse? Im Falle der beiden ersteren nicht nur der gleiche Wirkungsort London, im Falle der beiden letzteren nicht alleine die Konkurrenz um das „europäische“ Prädikat des erfolgreichsten Opernkomponisten der Zeit. Alle drei schufen bedeutende Werke im Zusammenhang mit der Rezeption des weder in der Antike noch in der Neuzeit unumstrittenen Makedonenherrschers Alexander der Große.

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Bis heute ein unterschätzter europäischer Komponist der Empfindsamkeit und Früh(1729 - 1802) klassik: Giuseppe Sarti komponierte 1761 für das Königliche Theater Kopenhagen seine Version der Oper 'Alessandro nell'India' (US p.d.).

Bis heute ein unterschätzter europäischer Komponist der Empfindsamkeit und Frühklassik: Giuseppe Sarti (1729 – 1802) komponierte 1761 für das Königliche Theater Kopenhagen seine Version der Metastasio-Oper (US p.d.).

In den späten Jahren seines Schaffens, nämlich zwischen 1681 und 1695 arbeitete der später „Orpheus Britannicus“ genannte Organist von Westminster Abbey verstärkt an Schauspielmusiken auf anspruchsvolle Bühnendramen des elisabethanischen Zeitalters. Er war es auch, der drei Jahre vor seinem viel zu frühen Tod die Semi-Oper The Fairy Queen zu Shakespeares Sommernachtstraum komponierte. Dabei hatte er dem Theater schon früh gedient und 1676 die orchestrale musikalische Begleitung (inklusive Pausenfüllern) zu John Drydens Schauspiel Aureng-Zebe sowie zu Thomas Shadwells Epsom Wells geschaffen. Seine achtteiligen Suite aus dem Winter 1690, The Gordian Knot Unty’d, bezieht sich auf das Alexander-Drama eines bislang unerkannt gebliebenen Dichters. Purcell soll wegen seiner Vorbereitung der Musik für King Arthur wenig Zeit gehabt und die sehr tanzbar gehaltene Suite daher in aller Eile zusammengebastelt haben, wobei er Anleihen bei früher komponierten Stücken nahm.

John Closterman (? - 1711) malte dieses Porträt des "Orpheus Britannicus" Henry Purcell, der orchestrale Bühnenmusik zu einer Alexander-Legende schuf (National Portrait Gallery NPG 2150).

John Closterman (? – 1711) malte dieses Porträt des „Orpheus Britannicus“ Henry Purcell, der orchestrale Bühnenmusik zu einer Alexander-Legende schuf (National Portrait Gallery NPG 2150).

So verwendete er als Jig das populäre Volkslied Lilliburlero, legte dessen Melodie aber in einer kunstvollen Abwandlung in den Bass. Grundlage der musikalischen Szenerie bildet eine Legendenpassage aus Alexanders Leben, nach der der Makedone die kunstvoll geknotete Verbindung der Deichsel am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios mit dem Schwert durchtrennte. Damit erfüllte sich das Orakel, dass derjenige die Herrschaft über Asien antreten werde, dem es gelinge, den Gordischen Knoten zu lösen – wenn auch in diesem Fall eher durch die rohe Kraft eines Ungestümen als mittels seines Verstandes …

Jean-François Godefroy schuf 1767 das Gemälde 'Alexandre et le noeud gordien' - eine Episode, die Alexanders Ruhm als Herrscher über Asien begründen sollte und die von Henry Purcell nach einem unbekannten Drama als Bühnenmusik vertont wurde (1767, École nationale superieure des Beaux Arts, Paris. ValdoubidoOo, 21.12.2013).

Jean-François Godefroy schuf 1767 das Gemälde ‚Alexandre et le noeud gordien‘ – eine Episode, die Alexanders Ruhm als Herrscher über Asien begründen sollte und die von Henry Purcell nach einem unbekannten Drama als Bühnenmusik vertont wurde (1767, École nationale superieure des Beaux Arts, Paris. ValdoubidoOo, 21.12.2013).

 

 

Bis zu Händels Alessandro nach einem eher mittelmäßigen Libretto von Paolo Antonio Rolli im Jahr 1726 hatte bislang nur Agostino Steffani das 1690 von Ortensio Mauro geschriebene Drama Alexanders Hochmut um das schroffe Verhalten des Eroberers gegenüber der persischen Prinzessin Roxane und der phrygischen Potentatin Lisaura im heutigen indischen Punjab vertont. Damit wurde der Stoff im Verlauf der Geschichte der mythologischen Oper erst mit Verzögerung zum Programm. Die Aufführung von Händels Version im King’s Theatre am 5. Mai 1726 blieb deshalb lange im Gedächtnis des Publikums, weil hier die beiden gefragtesten Sängerinnen der Zeit – vorgeblich als Rivalinnen – aufeinandertrafen: Faustina Bordoni, die spätere Gemahlin von Johann Adolph Hasse, und Francesca Cuzzoni. In den Garten- und Schlafszenen zeigte sich Händel hier wieder ganz in seinem Element, wobei er hier von Lullys Gestaltung ländlicher Szenerien einiges gelernt haben dürfte. Lange vor der Belcanto-Oper hatet der Wahllondoner die Stimmenpartien der beiden weiblichen Hauptfiguren erstmals auf die Personen der Sängerinnen selbst zugeschnitten, nicht auf ihre Charaktere des Librettos.

Die beste Stimme der späteren Barockzeit gehörte der Sängerin Faustina Bordoni (Carriera).

Die beste Stimme der späteren Barockzeit gehörte der Sängerin Faustina Bordoni (Gemälde von Rosalba Carriera, um 1730, Ca‘ Rezzonico, US p.d.).

Erst dank Pietro Metastasios Libretto Alessandro nell´Indie wurde der zwiespältig beurteilte makedonische Feldherr allerdings eine Legende in der Musikgeschichte und dies für beinahe 100 Jahre: Der Einfluss der Vorlage war vom Barock bis zur Frühromantik immens: An die 80 (!) heute bekannte Komponisten widmeten ihr Opernschaffen dem schon in der Antike aufsehenerregendsten und umstrittenen Kapitel aus dem Leben Alexanders des Großen: seinem endgültigen Vorstoß nach Indien. Dementsprechend breit fällt das stilistische Panorama aus, wenn man sich vor Augen hält, dass nach Hasses bahnbrechender Oper Cleofide von 1731 sowohl Johann Christian Bach als Vertreter der empfindsamen Epoche und der Frühklassik als auch Niccolò Piccinni, Johann Gottlieb Naumann und noch 1824 der Rossini-Anhänger Giovanni Pacini den Evergreen-Stoff in ihren Musikdramen feierten. Das absolute Faszinosum blieb in der musikalischen Rezeption bis in das 19. Jahrhundert hinein Alexanders Indienzug, nicht seine politische Folge.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.