Im Laufe ihrer höfischen und auch bürgerlichen „Karriere“ entwickelte sich ein höchst munteres irisch-britisches Tanzlied, Jig genannt, nicht nur zum schnellsten Satz der Ballettsuite, sondern auch zu ihrem letzten, ganz im Sinne des „Rausschmeißers“: Das tanzende oder auch nur zuhörende Publikum sollte in derber Manier noch einmal kräftig durchgerüttelt werden, um dann atemlos zum Bankett überzugehen oder von der Musik durch die Mangel gedreht in die Dunkelheit der Nacht hinausstolpern. Und nicht selten wurde sie in Form einer grotesken Posse geboten.

In Beatrix Potters "The Story of Miss Mopped" steppt die Maus eine Jig auf dem Geschirrschrank (1906, p.d.).
In Beatrix Potters „The Story of Miss Mopped“ steppt die Maus eine Jig auf dem Geschirrschrank (1906, p.d.).

Das Verdienst gebührte dem englischen Hoflautenspieler Jacques Gaultier, die Jig um 1635 herum in Paris, wo sie unter dem Namen Gigue ihren Siegeszug antrat, einzuführen. Zuvor hatten auf dem Kontinent bereits englische Wanderkomödianten in ihren Stückchen auf den Tanz aufmerksam gemacht. Jacques und Denis Gaultier etablierten jedenfalls in Frankreich zwei Typen: den einen in festgefügtem 4/4-Takt mit Synkopierung nach dem Auftakt und anschließendem gleichmäßigen Verlauf in kleineren Notenwerten, den zweiten im ungeraden 3/4-, 6/4- oder 6/8-Takt entweder in spondeisch-gravitätischer Ausführung oder in schnellerem Lauf. Ersterer verblieb eng am Repertoire der Laute und zeigt eine homophone oder auf imitierender Fortspinnung beruhende Satzweise. Der andere ging in die subtil gestalteten Ausformungen der französischen Claviersuite ein; der Organist und Cembalist Jacques Champion de Chambonnières, der übrigens ein von Lully geleitetes Konzert einst boykottierte, lieferte hierfür zahlreiche Beispiele in seinen Pièces de clavecin von 1670. Der typische Dreierrhythmus sorgte schon von selbst für diverse Möglichkeiten mit Vorhalten, Synkopen, besonderen Figuren und Ornamenten zu spielen.

Georg Philipp Telemann übernahm im Allegro seiner Sonata Nr. 2, veröffentlicht Anno Domini 1727, den (zweiten auf Gaultier zurückgehenden) Gigue-Typus aus der französischen Claviersuite (Mussklprozz upl. 25.11.2005, p.d.).
Georg Philipp Telemann übernahm im Allegro einer Sonate, die anno domini 1727 veröffentlicht wurde, den (zweiten auf Gaultier zurückgehenden) Gigue-Typus aus der französischen Claviersuite (Mussklprozz upl. 25.11.2005, p.d., GNU-Liz.).

Eine Sonderstellung nahm in der Praxis die Gigue bei Jean-Baptiste Lully ein, der den charakteristischen Auftakt der Canarie einbaute. Der Einfluss der italienischen Violingiga, die ihrerseits durch die französische Claviersuite angeregt wurde, lässt sich an Francois Couperins zahlreichen Giguen studieren ebenso wie später bei Rameau. Aus Italien datiert die früheste Sammlung von Giovanni Battista Vitali aus dem Jahr 1668 und zeigt einen großen Abwechslungsreichtum inklusive initatorischer Stimmführung und Terzen- wie Sextenparallelen in den Triosätzen. Diese Variante der Gigue mutierte in der Frühklassik über die neapolitanische Schule vermittelt zum finalen Prestosatz in der neuartigen Orchester- und Kammermusik, unter anderem bei Joseph Haydn. Im Zuge neoklassizistischer und neobarocker Tendenzen erlebte die Giga oder Gigue ihr Revival im 20. Jahrhundert durch Arnold Schönberg, Igor Strawinsky und bereits bei Claude Debussy.

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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