Unterlaufen, unterwandern, übertreffen: Mit Ultra (Out Of Line/Rough Trade) ist es der NDH-Institution Ost+Front um Hermann dito gelungen, die ganz eigene Messlatte auf ein zuvor nirgends erlangtes Niveau zu hieven. Anstatt der Verlockung einer kommerziell sinnvollen Selbstwiederholung zu erliegen, riskiert die Band viel – und gewinnt alles. Abwechslung, Mut zur Pointierung und ungeahnte Rhetorik lassen schon längst von einem der bemerkenswertesten Alben deutscher Zunge des Jahrzehnts sprechen. Und das war nun wirklich nicht zu erwarten. Nicht von Ost+Front. Aber wenn nicht von denen, von wem sonst?!

Ost+Front: "Ultra" (Out Of Line/Rough Trade)
Ost+Front: „Ultra“ (Out Of Line/Rough Trade)

Lässt es allzu tief blicken, wenn ein Rezensent sich zur Qualität von Ultra bekennt? Outet man sich als geronto-adoleszent zu kurz Gekommener, dessen Allmachtsfantasien auf billige Harmonien treffen? Ich würde sagen: Nein. Und insbesondere dann nicht, wenn die detaillierte Finesse, mit der Ultra aufwartet, auch von neutraler Warte aus gewürdigt wird. Wo anfangen?

Sternenkinder erweist sich als verlässliche Wegmarke (das Video dazu ist ein Meisterwerk für sich). Keine Plattitüden, sondern eine verblüffende Sensibilität, die sich da, wenn schon nicht offenbart, so doch andeutet. Schön knapp gehalten folgen drei Songs, die OK sind, aber angesichts dessen, was noch folgen soll, als die schwächste Passage des Albums durchgehen (wiewohl Afrika bereits die neue Güte der Hermannschen Lyrik – und Klarsicht – unter Beweis stellt).

Mit Moldau gelingt der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Liedern, die dieses Land, diese Welt benötigt. Den ollen Bedrich aufzugreifen, mag an sich noch nicht an der Lunte der Originalität schnuppern, wird der Gefühlswelt des Urhebers dennoch gerecht. Gerade in Zeiten (…) in denen Begriffe wie Heimat, Nation, Geborgenheit völlig desavouiert daherkommen, ein triftiger Kommentar.

Dann Krüppel. Simpel gestrickt, schlicht genial. Und ein Kommentar pro domo, hinsichtlich des von Ost + Front zuvor eingebrachten, provokanten Spiels mit dem gesellschaftlich anerkannten Umgang – mit jenen, die sich nicht durch Gesundheit auszeichnen. Stichwort: Zwergen-Weitwurf. Weiterhin eine romantische Idee, die auf dreieinhalb Minuten entwickelt wird, Inzest als Ultima Ratio: „Ich hab nur einen Spaß gemacht.“

Suizid brilliert mit einem Vokal-Arrangement, das I Muvrini kaum besser hinbekämen. Ach so, das eine ist große Folklore-Kunst, das andere wertlose Entartung?! Die Melodie soll euch eines Besseren belehren. Sie versetzt – ganz ohne Seilbahn, Ausrüstung oder Knorkator-Albernheit – auf jenen Gipfel, von dem es sich zu stürzen gilt. Oder lohnt, je nach Geschmack. Fick dich, ein Blender im Analog-Elektro-Outfit, folgt (und Honey von Welle:Erdball schmollt). Es ist der Nachfolger zum Liebeslied, ein weiterer Toast auf eine männliche Sexualität, die offiziell nur noch im Porno stattfinden darf. Fickt euch doch selbst!

Im elektronischen Fluidum suhlt sich auch – Volksmusik, das wohl trefflichste Stück der Scheibe. Zwischen Onkelz und Karl Moik vermittelnd, wird aus NDH NDW. „Atemdrang“, nur eines von vielen schönen Worten/Wörtern (suchts euch aus), die Herrmann einfließen lässt. „Klänge wie von Gott gesandt“?! Denken sich die Fans von den Amigos wohl auch. Doch um denen gerecht zu werden, hätten Ost + Front ihr Album Santiago Blue benennen müssen. Haben sich aber anders entschieden. Setzen mit vier potenziellen Live-Krachern (Blitzkrieg, Nein, Klassenkampf und Siebenbaum) zu guter Letzt noch ein paar Ausrufungszeichen, die als Kampfansage zu verstehen sind: Wer nunmehr Ost+Front weiterhin verkennt, wird wohl auch sich selbst nicht mehr in Frage stellen. Dann doch lieber: Auf zum Konzert (sie spielen immer, irgendwo). Am liebsten mit den großartigen Hemesath („Newcomer des Jahres“, Sonic Seducer) zuvor. Ultra?! „Ein ultrastarkes Werk!“

Sternenkinder:
youtube.com/watch?v=P1ywVhXp72E

Bruderherz:
youtube.com/watch?v=yir_nJFeQBs

ostfront.tv
facebook.com/ostfrontberlin

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